Zeitreise

Früher einmal – da hatte jeder von uns ein Fotoalbum – liebevoll angelegt (meistens) von der Mutter: mit dem ersten Babyfoto, dem erstem Schultag, der Erstkommunion, dem ersten Schulball, …
In meinem Elternhaus gibt es seit immer eine prall gefüllte (und im Chaos sortierte) Fotolade – Zeitzeuge einer Familie mit einem passionierten Tennisspieler, der Person am Abdrücker, vier Kindern und diversen Katzen und Hunden.

Wer nimmt sich noch Zeit, die Lade zu öffnen und in die Vergangenheit einzutauchen?

Dann wurde das digitale Fotografieren en vogue – statt Fotopapier braucht´s nun viel Speicherplatz in einer virtuellen Fotolade.

Wer nimmt sich noch Zeit, diese Lade zu öffnen und in die jüngste Vergangenheit einzutauchen?

Vielleicht dann, wenn man aus einem bestimmten Anlass eine ganz bestimmte Erinnerung benötigt? So dieser Tage bei mir: Für jemandem aus meinem Freundes-/Bekanntenkreis naht mit raschen Schritten ein runder Geburtstag – Freunde und Bekannte wurden aufgerufen, eine Erinnerungsseite zu kreieren – gespickt mit Anekdoten in Text und Bild. Ich wie immer poetisch-erfinderisch-kreativ hatte sofort das EINE Foto vor Augen, das so treffend und bezeichnend für das Jubelkind steht …

@ Bodo: „Kannst du mir bitte das Foto aus der Datenbank heraussuchen?“ – Bei zig-tausend Fotos die Nadel im Heuhaufen (?!) – außer, wenn man auf eine Struktur mit Datum und Ereignis vertraut und diese auch konsequent durchzieht – Juchuu! – das grenzt die Sucherei schon mal ordentlich ein!

Und das Schöne: man bleibt an dem einen oder anderen Schnappschuss hängen: sofort werden Erinnerungen wach – und … nachdem meine Sucherei gut 10 Jahre zurückging, konnte ich mit Erschrecken / Verwunderung / Interesse / … mitverfolgen, wie sehr ich mich – optisch betrachtet – in einem Jahrzehnt verändert habe!!! Am meisten hat mich stutzig gemacht, dass mein ach so krauser Wuschelkopf seit meinem letzten – verhunzten – Friseurbesuch so gut wie verschwunden ist (!?!?) – Liegt es an dem viel zu kurzen Haarschnitt (obwohl schon wieder über zwei Monate her, hält sich das Nachwachsen noch in Grenzen), der meine Locken vertrieben hat? Liegt es an dem Blondierungsspray, den ich über die Wintermonate hinweg verwendet habe, um die (möglicherweise) grauen Haare zu verdecken, da ich noch nicht weiß, welchem talentierten Friseur ich meine Haare anvertrauen soll, und ich diese Entscheidungsfindung zeitlich irgendwie überbrücken muss? Liegt es an den Hormonen, die erst langsam wieder aus dem Wintertief herausgekrochen kommen?

Eine Zeitreise – und man kommt ins Träumen, Schwärmen oder Grübeln, man weint der Vergangenheit nach oder ist froh, wenn gewisse Peinlichkeiten (oft dem jeweiligen Modetrend geschuldet) Geschichte sind.

Auf jeden Fall aber sollte man dafür dankbar sein, eine Vergangenheit zu haben, die im Herzen, in den Erinnerungssynapsen und sicherheitshalber auch im Tagebuch oder im Fotobuch festgehalten wird.

Wie muss es aber Menschen gehen, die durch Unwetter, Brand, Erdbeben, … Krieg diese Erinnerungshilfen verlieren?