Normalität in der Schwebe

Stück für Stück werden wir wieder in die Normalität zurückgelassen – in die „neue Normalität“, wie es so schön heißt bzw. in eine Normalität, die dennoch weiterhin in der Schwebe balanciert so wie ich, wenn ich im standing split – mit beiden Händen am Knöcheln, den Blick zum Boden gerichtet, auf einem Bein stehend – versuche, eine möglichst gute Figur zu machen und nicht umzukippen.
Seit heute dürfen alle Kinder wieder in ihre Schulen zurückkehren, seit heute fahren alle Öffis wieder in ihren normalen Intervallen, die Parksheriffs dürfen bereits seit einigen Tagen wieder Liebesbriefe an die Windschutzscheibe heften. Seit Anfang Mai dürfen wir wieder Kontakt-mit-Abstand mit Familie und Freunden aufnehmen. Und in Deutschland wird seit Samstag wieder Bundesliga gespielt – allerdings neu als Geisterfußball ohne Spuckerei und ohne Liebkosungen beim gelungenen Treffer ins gegnerische Tor. Wir können wieder analog shoppen gehen – es stellt sich hierbei für mich aber die Frage, ob ich fürs homeoffice tatsächlich neue Klamotten brauche?

Und dann ein, zwei Lockerungen mit geschichtsträchtig-untermauerter Bedeutung. Am 15. Mai vor 65 Jahren wurde der Staatsvertrag unterzeichnet. Am 15. Mai in diesem Covid-19-Jahr konnten die Gastronomen bei eiskaltem Anti-Schanigarten-Wetter endlich wieder ihre Lokale öffnen. Seit diesem Tag dürfen auch wieder Gottesdienste abgehalten werden. Aber alles in allem weit entfernt von dem, was wir als „normal“ bezeichnen würden! Viel mehr die Wahrnehmung des „Besonderen“ und nicht mehr so „Selbstverständlichen“!

Wir waren am Samstag in der Wachau und sind rund um Dürnstein bei einem teilweise recht abenteuerlichen Rundwanderweg ordentlich ins Schwitzen gekommen. Welch glückliche Fügung, dass wir auf dem Rückweg zum Auto bei einem Weinbauern / Heurigen vorbeikamen! Alle Bänke in lockerer Besetzung, kein Gast mit MNS, nur das Personal mit dem Schutz vor Nase und Mund. Für uns ein freies Bankerl an der sonnenbeschienenen Hausmauer – und soll ich was sagen? Auch wenn daheim das Gläschen Prosecco auf der Terrasse mundet: ein „fremd-servierter“ frischer großer Sommerspritzer, dazu ein üppig belegtes Käsebrot: das hat schon was für sich! Wir wussten diese neue Selbstverständlichkeit sehr zu schätzen!

Und dann der erste Live-Gottesdienst seit dem Beginn der Fastenzeit! Mir kam die Aufgabe zu, die Gläubigen vor dem Betreten der kleinen Kirche in unserer Nachbarschaft nach ihrer Anmeldung für die Messe zu befragen, da bezogen auf die Fläche des Kirchenraums leider nur eine begrenzte Anzahl an Personen gleichzeitig anwesend sein darf. Unser Pfarrvikar meinte dann in der Messe, dass dies „früher einmal“ sogar ein richtiger Kirchenjob gewesen ist (leider habe ich die Bezeichnung nicht behalten). Was spürbar war: zum einen – insbesondere für die älteren Menschen – die große Erleichterung, das Ritual des Kirchgangs wieder aufnehmen zu können – und damit auch den Kontakt mit Bekannten aus der Kirchengemeinde pflegen zu können; zum anderen aber auch große Verunsicherung: „Muss ich mich jetzt jedes Mal vorher anmelden, wenn ich die Sonntagsmesse besuchen möchte?“ Auch der Ablauf des Gottesdienstes reduziert – weniger Gesang, nur eine Lesung, die Predigt kürzer, am Altar mehr Selfservice als Ministranten-Unterstützung. Aber auch hier: Balsam für die Seele!

Zwei kleine Beispiele, die bewusst machen sollen, wie wichtig es ist, das, was in der ante-corona-Zeit (a.c.) als so alltäglich-selbstverständlich hingenommen wurde, jetzt in der inter-corona-Zeit (i.c.) als nicht alltägliches Geschenk anzusehen!

Großes Lob an die Au!

Jetzt lebe ich seit gut 25 Jahren in Wien und habe bislang einen großen Bogen um das Naturschutzgebiet im Norden Wiens – der Lobau – gemacht. Warum? Wegen der Gelsen-Invasion im Sommer? In der Annahme, dass es dort langweilig sein könnte? Weil die Au „dort drüben“, also in „Transdanubien“ liegt?

Offenbar brauchte es COVID-19 und damit verbunden den Wunsch nach einem gemeinsamen Wiedersehen mit Bodo´s Töchtern, dass wir dann doch hier gelandet sind – sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner, wenn die eine Tochter nördlich von Wien wohnt, die andere östlich und wir beide südlich vom Herzen Wiens. Am ersten Mai-Sonntag, am ersten Tag der „Lockerung“, stapften wir daher dann zu viert mit zwei kleinen Hunden mal mit dem Wind, mal gegen den Wind, mal durch Steppe, mal durch Dschungel – und waren sehr überrascht! Angenehm überrascht. So überrascht, dass Bodo und ich gestern am frühen Muttertagssonntag wieder hinfuhren – in knapp einer Viertelstunde von dichter Stadtbebauung in eine unendlich scheinende, weitestgehend unberührte Natur – Wahnsinn! Was für ein Geschenk an uns Städter!

Bodo mit dem Fotoapparat auf der Lauer – die ersten Seerosen, Frösche, Libellen, ein Vogel auf einem Schilfhalm und gar ein Fischotter beim Spielen im Schilf!

Ich dagegen ziemlich spontan mit der akustischen Aufnahmefunktion am Handy „bewaffnet“ – selten habe ich derart laute, kräftige „Balzquaks“ von Fröschen mit aufgeblähten Wangen oder ein derart schelmisch-heimtückisches Flöten eines Kuckucks vernommen!

Drei Stunden lang waren wir bedächtig, beschwingt und neugierig-aufgeschlossen unterwegs, haben dabei sogar kleine Badeplätze entdeckt und über riesenhafte Birken gestaunt – und festgestellt, dass die beste Zeit für die Lobau der frühe Morgen ist, denn spätestens ab 10 Uhr ist an einem Wochenende eindeutig zu viel „Volk“ unterwegs: Spaziergänger, Läufer und Fahrradfahrer – so weitläufig ist die Au dann offenbar doch nicht, als dass man sich aus dem Weg gehen könnte!

Aber jetzt, da wir wissen, dass dieses kleine naturgewaltige Paradies in knapp einer halben Stunde zu erreichen ist, sind wir uns sicher, dass wir öfters hierher zum Luftholen kommen werden – zumindest um diese Jahreszeit und bevor die Gelsen schlüpfen!

Daher gebührt mein heutiges Lob zweifelsohne der Au – der Lobau!

Öfter mal nach oben schauen!

Habt Ihr in den letzten Tagen / Wochen mal bewusst den Kopf in den Nacken gelegt und zum Himmel hinaufgeblickt? Auffällig: keine Flugbewegungen, mit Ausnahme von Tauben, Krähen, Falken und Schwalben – keine Flugzeuge, die über uns hin und her flitzen und mit ihren Kondensstreifen weiße Kritzi-Kratzi-Linien zeichnen.

So „Fetz-Blau“ der Himmel über uns, wie man es sonst nur von Reiseprospekten kennt.

So „Fetz-Blau“ der Himmel über uns, dass man nicht mehr das Gefühl hat, in einer Großstadt zu leben.

So „Fetz-Blau“ der Himmel über uns, dass nicht nur ich, sondern sogar Bodo einen mutigen Kopfstand wagt und seine Füße in dieses verlockende Tiefseeblau eintaucht – Wieso war ich eigentlich immer der Meinung, dass Bodo kein Yoga macht?!

rbt

Stil(l)Blüte

Wer kann dieses unbekannte Gedicht nicht auswendig herunterleiern:

Dunkel war’s, der Mond schien helle,
schneebedeckt die grüne Flur,
als ein Wagen blitzesschnelle,
langsam um die Ecke fuhr.
Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft, …

Ganz diesem Schema von sich selbst widersprechenden Sätzen folgend entstand aus einer übermütigen Zubettgeh-Aktion folgendes Zitat:

“Und einem Erdbeben gleich glitt er sanft ins Bett.”

… der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt!

Benimm-Regeln 2020

Wem von uns wurde als Kind nicht eingetrichert, dass man beim Grüßen (vor allem von Erwachsenen) die Hand geben muss – und tue das ja nur mit der rechten Hand! Welches Kind hatte großen Spaß daran, „artig“ zu sein?

Aber wie bei allem, was man in jungen Jahren erlernt, indem man es immer und immer wieder tut / tun muss, stellt sich ein Automatismus ein, sodass das Aufeinandertreffen mit anderen Personen Hand-in-Hand geht mit dem Hand-nach-vor-Strecken.

Kumpels (gute Freunde) entwickeln oft ein Begrüßungszeremoniell, angelehnt an amerikanische Gangs, bestehend aus Faust, Abklatschen und ähnlichen „Figuren“ – aber eben auch alles mit direktem Körperkontakt.

Von innigen Umarmungen mag ich hier gar nicht reden!

Doch dann kam dieser kleine Virus angeflogen – und alles änderte sich: Nicht nur, dass man seine eigenen Hände nun ständig gründlich waschen soll (was zu extrem trockener Haut führt :-(), ist es jetzt absolut VERBOTEN, einem anderen Menschen zum Zeichen der Höflichkeit, des Respekts, der Freude ob des Wiedersehens oder der Versöhnung die Hand zu reichen. So, wie uns die Asiaten mit dem Tragen eines MNS einen mächtigen Schritt voraus waren, sind sie´s auch, was das Begrüßungszeremoniell betrifft: genügend Abstand zueinander, damit beim Verbeugen die Köpfe nicht aneinandertutschen. Nicht der Baby-Elefanten-Meter ist das Maß, sondern der entsprechende Abstand zur Vermeidung einer Beule auf der Stirn!

Ganz ohne Etikette kommen wir aber nicht aus!

Sich einfach nur anzulächeln fällt mittlerweile aus, weil die nach oben gezogene Lippenform durch den MNS abgedeckt wird. Oft reicht der MNS auch hinauf bis knapp unter die Augen, sodass auch hier schwer ablesbar ist, ob es sich beim Gegenüber um Freund oder Feind handelt.

Bleiben wohl wieder nur die Hände – die Handflächen nunmehr aber aneinandergepresst und dicht beim eigenen Körper – ob als Gebets-, Namaste-Haltung oder Anjali-(Herz-)Mudra interpretiert, sei jedem dahingestellt. Bislang nur beim Beten oder Yoga-Praktizieren „benutzt“, könnte ich mir schon vorstellen, diese Geste in meinen persönlichen Etikettenschatz aufzunehmen.

Was auch geht, ist ein Gruß mit leicht erhobenem – und wohl gemerkt: abgewinkeltem (!) – Arm und einer offenen Handfläche –als Zeichen für: ich bin ein Freund, bin waffenlos und dir wohlgesonnen!

Ja: nicht nur die Kinder unter uns, sondern auch wir Erwachsenen müssen jetzt umdenken und neu erlernen, wie wir unserem Nächsten entgegentreten – und die Benimmbücher müssen umgeschrieben werden.

MNS – wie trägt man dich, wenn man dich nicht trägt?

Mund-Nasen-Schutz oder einfach kurz “MNS” – der neue Fashion-Trend für´s Frühjahr / Sommer 2020 … oder gar länger? Oder wohl eher eine lästige Plage, die einen schwindeln lässt und jedes Gesicht auf die Augenpartie beschränkt?

Ein Accessoire, das bislang vorwiegend dem medizinischen und labortechnischen Bereich vorbehalten war, schmückt nun auf Österreichs Straßen jeden, der dem Kindergartenalter entwachsen ist. Der schmucklosen Zellstoffmaske im sterilen OP-Himmelblau bald überdrüssig geworden und in vielen Fällen auch aus Langeweile in der Fadesse der Corontäne wurden in den Haushalten blitzschnell alte Hemden oder sonstige Textilien aussortiert, wurde mittels Anleitungen aus dem Internet und sonstigen Medien mit mehr oder weniger Geschick zu Schere, Nadel und Faden gegriffen, um dem eigenen MNS einen persönlichen / individuellen Touch zu geben. Auch der Handel hat aus der Not eine gewinnbringende Tugend gemacht und schnell darauf reagiert: Ein Drogeriemarkt appelliert ans schlechte Gewissen und bittet um Unterstützung heimischer Schneidereibetriebe. In meiner Heimatstadt “erdreistet” sich ein Bekleidungsgeschäft, spezialisiert auf Kilts und Schottenröcke, eine Mund-Nasen-Maske im Style Kärnten Karo um satte EUR 15 anzubieten – aufgrund der großen Nachfrage bis zu 10 Tagen Lieferzeit! Zugegeben: fesch ist sie ja, diese Maske im dunklen Karo – und vielleicht erlangt sie noch Kultstatus, aber zu Ende gedacht hat das Schneiderlein offensichtlich nicht: Gibt es keine ansprechendere Lösung als diesen hässlich-schmucklosen 5 mm breiten Gummi?

Das führt mich zum eigentlichen Thema: wie trägt man eigentlich den MNS, wenn man ihn gerade nicht als Mund-Nasen-Schutz verwenden muss (also nicht im Supermarkt einkauft oder in der Straßenbahn sitzt), aber für spontane Einfälle griffbereit haben möchte?
Das Bild, das sich derzeit am häufigsten zeigt, ist der MNS als “Doppelkinn-Caché”, will heißen, dass der MNS, egal, ob aus Zellstoff, alter Baumwolle oder modernem Karo, von Mund und Nase einfach übers Kinn gezogen wird – die Schönheitschirurgen sollten sich schon jetzt darauf konzentrieren, neue Methoden zu entwickeln, um abstehende Ohrmuscheln wieder dichter an den Schädel andocken zu können!
Manche lassen den MNS auch an einem Ohr herunterbaumeln oder im Auto an der Mittelspiegelhalterung – dort, wo sonst das Anti-Rauchgestank-Duftbäumchen hängt.
Einige lassen den MNS auch permanent oben, sogar dann, wenn sie morgens mutterseelenallein mit dem Hund spazieren gehen – das sind meiner Meinung nach überdeutlich masochistische Anzeichen, denn wer, bitte!?!?, trägt dieses Ding freiwillig und atmet permanent seine eigene ausgeatmete Luft wieder ein? Ich habe schon nach wenigen Minuten des Tragens das Gefühl, dass mein Gehirn zu wenig Sauerstoff bekommt!
Einen Einzelfall, aber mal was Neues, habe ich gestern gesehen: ein Autofahrer hatte seinen MNS über seine Glatze gezogen. Wie sich das mit den Ohren ausging, konnte ich leider nicht erkennen … da machte mir die Grünphase an der Kreuzung einen Strich durch die Rechnung. Bei Kahlköpfen sicher ok und auch ein Schutz gegen Sonnenbrand – bei Haaren aber nicht empfehlenswert!
Ich selbst verwahre meinen MNS in einem kleinen Plastik-Sackerl, damit er nach dem Kurzgebrauch sauber in der Handtasche verwahrt werden kann. Dafür bieten sich an: Jausensackerln oder die durchsichtigen Travel-Beutel, die man (früher) verwendet (hat), wenn man im Handgepäck (flüssige) Hygieneartikel mit sich führt(e). Ich habe Bodo´s und meinen Schutzbeutel zudem beschriftet, damit hier nichts durcheinander gerät!
Was ich mir noch vorstellen könnte, wäre ein Karabiner am Handtaschengurt: da wäre der MNS sicher und könnte zwischendurch auch trocknen und / oder auslüften. Allerdings ist diese Methode dann doch nicht so hygienisch und was, wenn der Gummi reißt?

Man sieht: ein kleines Stück Stoff, rechteckig, manchmal gebogen, manchmal in dehnbare Falten gelegt, an den Schmalseiten zwei elastische “Bügel” oder Bänder, wird zum Gesprächsstoff, zum Diskussionspunkt, zum “Buh-Accessoire”, macht kreativ oder einfach nur … wahnsinnig!

Das große Fressen

In einer Tageszeitung stand heute: 5 Millionen Österreicher*innen trotz Ausgehbeschränkungen wieder unterwegs. – Wir beide waren Teil davon, haben uns aber – wie immer – Wege ausgesucht, die kaum von anderen Menschen gesucht / gefunden / begangen werden. Verlässt man die Großstadt und fährt hinaus „aufs Land“, wie zB nach Grillenberg – das ist wo? (gleich nach der Ortschaft Berndorf, berühmt für die Besteck-Manufaktur) -, tut man sich leicht, einen einsamen Wanderweg zu finden. Aber in und um Wien herum? Das ist ein Ding der Unmöglichkeit! Wir dachten ziemlich naiv, dass an einem brillanten Sonntag eh kein Mensch den beschwerlichen Stufenweg hinauf zum Leopoldsberg stapfen wird wollen – weit gefehlt: Menschenmassen tummelten sich da am Ausgangspunkt! Blieb nur eines: Weiterfahren! Bodo nahm die kurvenreiche Höhenstraße extrem sportlich, ein anderer Smart hinter uns als Herausforderer– ich extrem verkrampft am Beifahrersitz – the fast and the furious?

Am Kahlenberg war´s ähnlich dicht – der Imbisskiosk machte nach der langen Durststrecke wohl das Geschäft seines Lebens, in der kleinen Kirche herrschte MNS-Pflicht. Anfangs folgten wir gezwungenermaßen noch der Karawane, die diverse weitere Ausflugsziele anstrebte. Bei der erst besten Gelegenheit bogen wir aber rechts ab, hinein in den schattig-kühlen Wald und bald auf einem neu angelegten, vollgeschotterten Serpentinenweg. Ein paar Mountainbiker, wenige Geher – nur wir und das Vogelgezwitscher. Ungewiss, wohin dieser Weg aber führen mag. An einer Wegkreuzung wählten wir instinktiv den linken Abzweiger; ein Stück wieder bergauf, dann eine Wiese – mehr Menschen als Grashalme! Von Abstand halten keine Rede mehr – Fröhlichkeit, Ausgelassenheit – Corona findet uns hier nicht!

Zeit fürs Heimfahren, um noch ein paar ruhige Sonnen-Momente auf der blütenstaubigen Terrasse zu verbringen!

Heute Morgen beim Frühlauf in der Stadt – und repräsentativ im Augarten – dann ein Bild der Verwüstung: überquellende Müllgefäße, einfach fallengelassener Müll – und mittendrin jubilierende Krähen und Tauben, die nach den langen Wochen, in denen die Parkanlagen geschlossen bleiben mussten und sich wenig Volk auf den Straßen herumtrieb, mit einem Festmahl der Sondergüte verwöhnt wurden! – Wahrlich: das große Fressen bot sich mir da!

Sofort stellt sich aber eine Gleichung auf: Mensch ist gleich Müll! Und ich stelle die Frage: Steigt der Anfall von Müll linear mit der Menschheit an oder gar exponentiell? Ja, auch ich produziere einiges an Müll – oft mit schlechtem Gewissen, meistens mit dem Versuch, der sortenreinen Trennung. Aber so, wie Lärm, den man „sieht“, lauter erscheint als Lärm, der „unsichtbar“ bleibt, macht sichtbarer Müll auf den Straßen deutlich zorniger als der unsichtbare – von mir kontrollierte – Müll im hauseigenen Abfalleimer.

Ich gönne den Krähen und Tauben ihren Schmaus, auch wenn sie in diesem Zusammenhang viel dazu beitragen, dass Servietten, Pizzakartons etc. verstreut herumliegen. Aber es wäre schön, wenn jeder Mensch, der laut Evolution mehr Grips hat als eine Taube, etwas mehr Umsicht und Achtsamkeit an den Tag legen würde, wenn es um Abfall geht – und das inkludiert auch die MNS-Masken, die neuerdings die Gehsteige zieren. – Leute: diese unbequemen Dinger können mehrfach verwendet werden!

Pendelei im homeoffice

Woche SECHS (6!) im homeoffice – und noch kein Ende in Sicht – zumindest was meine beruflichen Aktivitäten betrifft.

Sechs Wochen lang – kein einziges Blatt Papier gedruckt oder gescannt (wir behelfen uns mit digitalen Freigaben bzw. bei ganz wichtigen Unterlagen ist unsere Projektleiterin vor Ort am fast menschenleeren Campus und erledigt das)

Sechs Wochen lang – mit Kolleg*innen nur per Telefon und Mail in Kontakt

Sechs Wochen lang – kein Mittagsweckerl, das ich dann eigentlich immer erst abends auf dem Weg zum Sport hinunterwürge (weil es nach mehreren Stunden im Papiersackerl schon ein wenig trocken geworden ist)

Sechs Wochen lang – keine Uhr am Handgelenk oder gar ein anderer Schmuck um Hals oder Hand

Sechs Wochen lang – keine Chance, meinen im Winter gekauften Frühlingsmantel in einem „dezenten“ Fuchsia auf dem Weg in die Arbeit zu präsentieren

Sechs Wochen lang – sozusagen Rücken an Rücken mit Bodo in unserer „Bürolandschaft“

Alles, was ich hier aufgezählt habe, wird noch eine ganze Weile so weiter gehen, zumal für unser kleines Projektteam keine Notwendigkeit besteht, immer beieinander zu sitzen.

Was sich aber ändert, ist, dass ich in den letzten Tagen im homeoffice zur Pendlerin geworden bin:

Morgens starte ich am Hochtisch. Der Blick geht über den Laptop-Rand zur Küchenzeile, wo mich je nach Lichteinfall Fettspritzer auf dem Glasschild in Rage bringen – wo kommen die wieder her? Ich habe doch gestern Abend erst alles abgewischt! Oder ich starre gedankenvoll aus einem der drei Dachflächenfenster, die dank Blüten- und Saharastaub schon wieder einen leicht getrübten Eindruck hinterlassen – schön wäre da ein reinigender Platzregen mit anschließender Politur!

Am späteren Vormittag, wenn die Temperaturen steigen und kaum Wind weht, werde ich dann langsam, aber sicher, „reiselustig“ – und baue meine Workstation auf der Terrasse auf. Bodo hat mir gestern unter leichtem Protest meinen Sitzball, den ich mir einmal fürs alte Büro gekauft habe, wieder aufgepumpt, sodass ich einigermaßen ergonomisch ausbalanciert am Terrassentisch sitzen kann – mein Rücken protestiert nämlich seit ein paar Tagen gegen zu langes Sitzen – hoffentlich findet er Gefallen am leichten Hin- und Herwiegen meines Beckens und einer betont aufrechten Körperhaltung! Nachteile am Draußen-Arbeiten: der Blütenstaub macht auch vor dem Laptop nicht Halt , und wenn die Sonne kräftig scheint, ist die Lesbarkeit am Bildschirm etwas eingeschränkt. Aber ich kann mich im Freien aufhalten, die Blümchen unserer winterfesten Pflanzen bewundern – und solange Bodo nicht auf die Idee kommt, mit dem Wasserschlauch zu „spielen“, ist alles einfach: GUT!

Wenn die Sonne dem Schatten dann Platz macht, ist es wieder Zeit, nach innen zu wandern. Mittlerweile bin ich auch auf den Geschmack des Stehend-Arbeitens gekommen … offenbar bin ich in den letzten Tagen sitzmüde geworden!

Sechs Wochen lang – kein „sportliches gutes-Vorbild-Sein“ – und auch hier wird es noch dauern, bis es in den Fitnessclubs wieder Grouptraining gibt. Ich fürchte, dass sich auf diesem Sektor aber einiges ändern wird. Und hoffe echt nicht, dass meine Leidenschaft CoV zum Opfer fällt!

Sechs Wochen lang – mit Bodo zusammen, quasi Tag und Nacht nebeneinander / miteinander – und manches Mal auch etwas durcheinander!

Und in Kürze folgt die ver…. SIEBTE (7.) Woche!? Was wird diese zum Vorschein bringen?

Wenn einer geht …

Wenn ein Mensch aus dem Zimmer geht, ist das nicht weiter schlimm – denn er wird ja bald wiederkommen.

Wenn ein Mensch morgens die Wohnung verlässt, um sich seiner Ausbildung, seinem Beruf zu widmen (ich lasse das sensible Kapitel „homeoffice“ an dieser Stelle bewusst aus) – wird er an anderer Stelle bereits erwartet bzw. kann man sich in ein paar Stunden auf ein Wiedersehen beim gemeinsamen Abendessen freuen.

Wenn ein junger Mensch das Elternhaus verlässt, um zu studieren – sehnen die Eltern alsbald die Zeit zurück, in denen ihr Junior laut pubertierend im Haus herumgepoltert und den Kühlschrank leer gefuttert hat.

Wenn zwei Menschen im Streit auseinandergehen und sich daher auch räumlich trennen – bleiben anfangs Gefühle, wie Zorn / Wut / Enttäuschung, übrig – und wahrscheinlich noch das eine oder andere vergessene Relikt -, die sich mit der Zeit in eine dunkelgrau-neutrale Erinnerung verwandeln.

Wenn einer auszieht, um die Welt zu erkunden – hoffen die Daheimgebliebenen auf regelmäßige Postings auf Facebook, auf eine handgeschriebene Postkarte aus einem fernen Land oder auf einen Video-Call.

Wenn aber ein liebgewonnener Mensch für immer geht – hinterlässt er eine nicht greifbare Leere, die sich peu-á-peu erst wieder mit Erinnerungen aus gemeinsam verbrachten Tagen / Jahren füllen muss. Bitterer Kummer und salzige Tränen verbinden sich mit einem kleinen verschämten Lächeln zu einem süßen Hauch einer im Langzeitgedächtnis sicher abgespeicherten Begebenheit, einer geliebten Charaktereigenschaft, eines unverwechselbaren Geruchs, …

So kann aus einem unermesslichen Verlust langsam wertvoller Trost entstehen.

So kann sich aus dem Gefühl blanker Sinnlosigkeit wieder ein stabiler Halt entwickeln.

So kann sich aus plötzlicher Einsamkeit möglicherweise der Wunsch ergeben, sich nach außen hin zu öffnen.

Wenn ein liebgewonnener Mensch für immer geht – bleibt er dennoch immer unter uns!

Immer schön in Bewegung bleiben!

Man soll es nicht für möglich halten – “dank” COVID-19 habe ich zwar wieder die Liebe zum Bloggen, sprich zum Gedanken-Niederschreiben, entdeckt, aber kaum mehr ein Wort über meine sportlichen Aktivitäten verloren! Bin ich faul und fett geworden? Hat mein Gluteus Maximus in den mittlerweile vier Wochen, die ich mittlerweile auf dem Barhocker verbracht habe, maximale Ausmaße angenommen? Hat mein “Bingo-Muskel” (Trizeps!) die Festigkeit von Schwabbelpudding erreicht? Ist meine Bauchdecke mittlerweile so gewellt wie die Dachhaut beim Haus gegenüber? Haben sich meine festen Wadeln in dürre Zahnstocher verwandelt und meine muskulös-definierten Oberschenkel in ein Cellulitis-Paradies?

Sicher nicht!

So sehr ich es vermisse, meine schweißtreibenden, humorvollen und motivierenden Stunden (Bodywork, Spinning, Yoga) im Fitness-Club zu leiten, habe ich nun doch viel mehr Zeit für mich!

Ich gehe 5-6 Mal in der Woche in der Früh laufen, kombiniert mit einem kurzen Stopp, wo ich Kräftigungsübungen einbaue – 20 Liegestütze, 100 flotte Situps, manchmal auch noch Squats und anderes – je nach Lust und Laune. Wenn ich dann – zu Bodo´s großer “Freude” – verschwitzt heimkomme, rolle ich noch für ein paar Minuten meine Yogamatte aus, versuche, den durchs Laufen steifen Unterrücken mit ein paar Sonnengrüßen wieder geschmeidig zu machen und pumpe mir im Kopfstand möglichst viel Energie ins Hirn. Da sind dann gute zwei Stunden mit gesund-aktivierender Bewegung verstrichen – und um 8 Uhr sperrt dann das homeoffice auf. Zugegebenermaßen verbringe ich dann aber den ganzen Tag mehr oder weniger im Sitzen (wie im “realen” Leben auch); da ist es dann sogar eher Bodo, der mich zum kurzen Aufstehen animiert bzw. zwingt – Achtung: vorher alles abspeichern!!!

Und wenn der Tag sich dann langsam Richtung Feierabend neigt, das Notebook runtergefahren und der “clean desk”-Zustand hergestellt wird (dh alles wegräumen, was an Arbeit erinnern könnte), weiß Bodo, dass es jetzt gleich “ernst” wird – mein “privates Yogastudio” zwischen Vorraum und Küchenbereich bzw. zwischen Wohn- und Schlafbereich (wo halt im Miniloft am besten Platz für die Matte ist und vor allem keine Dachschrägen behindern) öffnet gleich! Bodo wehrt sich zwar vehement mit Händen und Füßen gegen Sonnengruß, Baum, Krähe und sonstige Positionen, aber er respektiert mein Tun, indem er sich während der folgenden 60 … 90 Minuten, die ich auf der Yogamatte verbringe, still und leise beschäftigt, sprich: er widmet sich seiner Workstation. Aber – und das finde ich süß, nett und aufmerksam – holt er aus unserem animalischen Dekofundus, der derzeit aus Schafen, Hasen und Vögeln besteht, ein paar Exemplare und platziert diese vor meiner Matte – ob als stumme Zuschauer oder als kritische Jury, habe ich noch nicht ganz herausgefunden.

So gesehen: ist mein Popo weiterhin “altersgerecht” knackig, mein Bauch trotz Naschereien halbwegs definiert, die Schenkel sind zum Anbeißen und die Oberarme optisch stark! –

und Nein: heute habe ich KEIN Foto von mir!