{"id":2553,"date":"2022-02-10T12:07:42","date_gmt":"2022-02-10T11:07:42","guid":{"rendered":"https:\/\/lucia.klatil.at\/blog\/?p=2553"},"modified":"2022-02-10T12:07:42","modified_gmt":"2022-02-10T11:07:42","slug":"wenn-das-gewissen-beisst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lucia.klatil.at\/blog\/?p=2553","title":{"rendered":"Wenn das Gewissen bei\u00dft"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Wenn man vom eigenen Gewissen gebissen wird, dann f\u00fchlt es sich vielleicht ein wenig so an, als ob man von einem Knabberfisch (Saugbarbe) ein Horthaut-Peeling bekommen w\u00fcrde \u2013 es kitzelt, es juckt vielleicht sogar, es ist ein wenig unangenehm, tut aber nicht weh.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dann gibt es aber auch Gewissensbisse, die sich bis tief ins Fleisch verzahnen, eine gro\u00dfe Wunde und weit mehr als etwas Unbehagen verursachen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Momentan befinde ich mich irgendwie zwischendrin, so als ob sich der an sich zahnlose Knabberfisch mit mal eine Haifisch-Zahnprothese \u00fcbergest\u00fclpt h\u00e4tte und sich jetzt durch meine Hornhaut bis zum Knochen durchzubei\u00dfen versucht.<\/p>\n<p align=\"justify\">Was ist passiert, dass ich von solch brutal-blutigen Gedanken geplagt werde? Ist mein zweites Ich mittlerweile so von meiner anregenden Krimi-Thriller-Lekt\u00fcre durchseucht (welch aktuelle Wortwahl!!!)?<\/p>\n<p align=\"justify\">Nein, der Trigger f\u00fcr die Bisswunde war ein eigentlich ganz allt\u00e4glicher Vorfall heute Morgen noch vor 7:00 Uhr, als ich in der S-Bahn-Station auf den Zug wartete, um zu meiner Yoga-Vertretung zu d\u00fcsen (\u2026 es hat sich in den letzten Tagen leider gezeigt, dass auch Yogalehrer:innen nicht viren-immun sind \u2639 &#8211; in den letzten zwei, drei Wochen hatte ich so viele Yoga-Vertretungen wie nie zuvor!). Als ich jedenfalls da so stand \u2013 3 Minuten bis zum Eintreffen des Zuges -, h\u00f6rte ich am anderen Ende des Bahnsteigs eine Stimme: \u201eHaben Sie eine Zigarette f\u00fcr mich?\u201c, \u201eHaben Sie etwas Kleingeld f\u00fcr mich?\u201c \u2026 also eine arme Haut auf fr\u00fchmorgendlichem Bettelzug. Ich bin bei Schnorrereien immer im Wiggel-Waggel \u2026 soll ich was geben oder nicht? Habe ich \u00fcberhaupt Kleingeld dabei? Denn seitdem \u00fcberall, selbst in der B\u00e4ckerei, mehr und mehr kontaktlos bezahlt wird, damit das \u201eEh-schon-wissen\u201c sich nicht \u00fcber M\u00fcnzen und Scheine \u00fcbertr\u00e4gt, ist mein Geldb\u00f6rserl sehr leicht und recht d\u00fcnn \u2013 nicht mal f\u00fcr den Klingelbeutel reicht es mehr! Parallel die Zeitrechnung im Kopf: wer ist schneller &#8211; mein Zug oder der Bettler? F\u00fcr den Fall der F\u00e4lle \u2013 und weil mein Gewissen heute Morgen schon mit den Z\u00e4hnen fletschte -, schaute ich im Geldb\u00f6rsel nach und siehe da: ein ganzer Euro inmitten von ein paar Ein-Cent-M\u00fcnzen! Als aber ein paar Polizisten am Bahnsteig erschienen und die Stimme abrupt nicht mehr zu h\u00f6ren war, dachte ich, dass der Bettler das Weite gesucht h\u00e4tte \u2013 und steckte den Euro wieder ein. Noch zwei Minuten \u2026 noch eine Minute bis zur Ankunft des Zuges \u2013 pl\u00f6tzlich war die Stimme wieder da und kam immer n\u00e4her. Und als der Zug dann einfuhr, hatte mich die Stimme doch noch erwischt. Grunds\u00e4tzlich h\u00e4tte ich es schon geschafft, den Euro wieder hervorzuholen und trotzdem rechtzeitig in den Zug steigen zu k\u00f6nnen (und wenn: im Morgenintervall kommen Z\u00fcge alle drei Minuten!), doch der Bettler \/ Obdachlose wurde dann \u2013 just bei mir!!! \u2013 unversch\u00e4mt &#8211; vom wahrscheinlich auswendig gelernten Bettelspruch-Drehbuch bis hin zu: \u201eKann ich mit Ihnen mitfahren?\u201c, kam er mir, im physischen, wie auch \u00fcbertragenen Sinne, einfach viel zu nahe! Meine k\u00f6rperliche und verbale Reaktion war, ohne dass ich es h\u00e4tte kontrollieren k\u00f6nnen, von tiefer Ablehnung, Abwehr und einem einzigen Gedanken gezeichnet \u2013 nur schnell weg! Doch kaum fuhr der Zug los, war er da, der scharfe und unerbittliche Biss des Gewissens!<\/p>\n<p align=\"justify\">Gleichzeitig aber spulten sich vor meinem inneren Auge erlebte Kleinfilme ab, Erinnerungen an andere Begegnungen mit der Bettelei:<\/p>\n<p align=\"justify\">Szene 1 \u2013 Naschmarkt in Wien, vor allem morgens orientalisch-regional angehauchtes Obst- und Gem\u00fcse-Paradies, ab Mittag dann auch Gusto-Meile f\u00fcr Hungrige und Durstige. Als die \u201eWelt noch in Ordnung war\u201c, war auch ich mal dort an einem lauen Sommerabend, um ein bisschen dolce far niente zu genie\u00dfen. Doch permanent wurden wir von Kindern und alten Frauen angebettelt \u2013 auch hier das deutliche k\u00f6rperliche \u00dcberschreiten der pers\u00f6nlichen Privatsph\u00e4re. Klar, dass einem die Kleinsten und die \u00c4ltesten leidtun \u2013 aber das h\u00f6rt sich ganz schnell auf, wenn man die Oma in der \u201eArbeitspause\u201c in einer etwas abgeschiedenen Ecke mit einem gut-neuen I-Phone in der Hand entdeckt!<\/p>\n<p align=\"justify\">Szene 2 \u2013 Innenstadt in Wien, morgens auf dem Weg in die Arbeit, an der Ecke eine nicht mehr ganz junge Frau, zwar ordentlich und sauber gekleidet, aber stumm und still ihre Hand aufhaltend \u2013 da war ich froh, dass ich eine Zwei-Euro-M\u00fcnze in der Tasche hatte!<\/p>\n<p align=\"justify\">Szene 3 \u2013 vor dem Supermarkt ein alter Mann in zerrissener Kleidung, sich mit einer Hand am Stock aufst\u00fctzend, in der anderen Hand den klassischen zerknautschten Coffee-to-Go-Becher. Ich dachte mir: Geld gebe ich dir keines, denn ich bin mir sicher, dass dein \u201eChef\u201c irgendwo in der N\u00e4he in einer Nische steht und jedes Geldst\u00fcck, das im Becher landet, mit Argusaugen beobachtet. Aber ich bringe dir pers\u00f6nlich etwas zu essen und zu trinken aus dem Supermarkt mit. Als ich mit einer Flasche Mineralwasser und einem gesunden Sandwich wieder auf der Stra\u00dfe stehe, steht der alte Mann mit dem Gesicht abgewendet ganz dicht an der Hauswand. Ist ihm schlecht oder gar schwindlig? Als er auf mein mehrmaliges \u201eHallo?\u201c nicht reagiert, trete ich etwas n\u00e4her \u2013 und muss erkennen, dass er gerade in ein anregendes Telefonat vertieft ist \u2026 Bettelei und Handybesitz? Das geht so gar nicht! Ich habe ihm (ohne dass er es mitbekommen h\u00e4tte, so vertieft war) zwar Speis und Trank einfach dagelassen, habe mir aber innerlich versprochen, dass ich mich von diesem \u201eSystem\u201c in Zukunft nicht mehr einlullen lasse!<\/p>\n<p align=\"justify\">Szene 4, Szene 5, \u2026 es gibt da sicherlich noch einige mehr, die gewisse \u00c4hnlichkeiten und Parallelen zu Szene 1 und Szene 3 aufweisen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wenn ich mich allerdings an Szene 2 erinnere \u2013 da sch\u00e4me ich mich, dass ich nur die zwei Euro hergegeben habe \u2026 ich habe die Frau nie mehr wiedergesehen!<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Bettler \/ Obdachlose von heute Morgen f\u00fchrt sicher ein besch\u2026. Leben, aber sein Eindringen in meinen Komfortzone-Kokon war mir einfach too much!<\/p>\n<p align=\"justify\">Armut hat leider viele Gesichter. Die vielen Spendenbriefe, die mit der Post geschickt werden, nerven zuweilen ganz geh\u00f6rig \u2013 schon wieder ein Kugelschreiber, schon wieder Gl\u00fcckwunschkarten! \u2013, doch f\u00e4llt es mir hier leichter, auch mal \u201emehr\u201c herzugeben, weil hinter dem Spendensammeln &#8212; hoffentlich! &#8212; seri\u00f6se Institutionen stecken und weil eine Online-\u00dcberweisung automatisch eine gewisse Distanz schafft.<\/p>\n<p align=\"justify\">Und: das scharfe Haifischgebiss kann sich wieder zu zahnlosen Lippen zur\u00fcck verwandeln und die Hornhaut verw\u00f6hnen \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">\u2026 bis zur n\u00e4chsten pers\u00f6nlichen Konfrontation!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man vom eigenen Gewissen gebissen wird, dann f\u00fchlt es sich vielleicht ein wenig so an, als ob man von einem Knabberfisch (Saugbarbe) ein Horthaut-Peeling bekommen w\u00fcrde \u2013 es kitzelt, es juckt vielleicht sogar, es ist ein wenig unangenehm, tut aber nicht weh. 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