Ein sensationell von 10 jungen, engagierten Laienschauspielern dargebrachtes Theaterstück im (noch) unbekannten bayrischen Städtchen Vöhringen (zum Nachschauen: Ulm ist nicht allzu weit entfernt) mit dem Titel „Gerüchte Gerüchte“ hat mich, während ich mich im Laufschritt gegen die ersten heftigen Herbststürme stemmte, zum Nachdenken verleitet: was hat es mit diesem Begriff „Gerücht“ eigentlich auf sich?
Irgendjemand sagt irgendjemandem irgendetwas unter dem Mantel der Verschwiegenheit mit der eindringlichen Bitte, es nur ja niemandem weiterzuerzählen. Im Zwischenton aber die klare Aufforderung: „Sag es weiter!“ Dieses Irgendetwas muss natürlich mit irgendjemandem in Zusammenhang stehen, der im a) in der Öffentlichkeit bekannt ist, auf den man b) neidisch ist und dem man c) allenfalls bewusst, aber unerkannt schaden will. Verbreitet durch Mundpropaganda wird aus dem gezielt ausgestreuten Samenkörnchen bald schon ein heftig wucherndes Unkraut, das sich in Windeseile über jedes Beet ausbreitet und das Edle / Reine – die Wahrheit sozusagen – erstickt. Da es in der Natur des Menschen liegt, ein bisschen böse, sehr schadenfroh und noch mehr neugierig zu sein, birgt jeder von uns in sich die Gier nach Getuschel. Der Pulsschlag wird höher, das Kribbeln in den Fingern verleiht ungeahnte Agilität. Unser Gehirn wird in ungeahnte phantastische Höhen gezogen. Bilder im Kopf entstehen nun mal durch subjektive Wahrnehmung. Man wird Teil einer Verschwörung und allein deshalb schon zum Lügner, weil man entgegen dem Versprechen „Meine Lippen sind versiegelt“ bei nächstbester Gelegenheit die hinter vorgehaltener Hand zugeraunte Botschaft mit eigenen Worten in ein anderes Ohr flüstert. Gibt es etwas Schöneres, als sich kurz mal entrüsten zu können und den moralischen Kodex empor zu halten? Mit einem Mal entsteht eine Gemeinsamkeit auf Zeit. Besteht daher im Gerüchte verbreiten, das Bedürfnis nach Nähe und Übereinkunft?
Als Kind haben wir harmlos „Stille Post“ gespielt und uns dabei gegenseitig ins Ohr gespuckt. Und doch liegt hier einer der wichtigsten Grundsätze der Kommunikation verborgen.
Und wer hat nicht schon einmal aus einer „Mücke einen Elefanten“ gemacht?
Was würden all diese Hochglanz-Gazetten nur machen, wenn es diesen menschlichen Makel nicht gäbe? Wer liest nicht gerne die Klatschseite zuerst und dann erst die „echten“ Nachrichten?
Woher leitet sich das Wort „Gerücht“ ab? Gibt es eine Verbindung zum „Gericht“ – sowohl dem rechtlich betrachteten als auch dem, was aus der Küche kommt? Spricht man deshalb auch von der „Gerüchteküche“ – dort, wo mit schmackhaft, spicy Zutaten ein Gerücht zusammengemixt wird? Werden Hauben für das beste Gerücht des Jahres vergeben? Kann man Gerücht auch mit Geruch in Verbindung bringen? Riecht es nicht ab und dann ganz entsetzlich heftig nach Klatsch und Tratsch?
Und übrigens: Hast du nicht auch schon davon gehört, dass …. ?