Minus 5

„No Sports!“ „Sport ist Mord!“ – wie oft habe ich diese Sätze schon gehört.

Neu ist eine jüngst veröffentlichte Aussage, dass die Generationen nach mir gut und gerne 5 Jahre weniger ihr Leben genießen bzw. fristen werden, weil es an regelmäßiger Bewegung fehlt – und das beginnt bereits im Kindesalter. Couchpotatoe in Kombination mit viel Zucker und Salz ergänzen diesen Besorgnis erregenden Trend. Da ich mich nun alles andere als zu dieser Kategorie dazu zähle, habe ich die Studie gehört und wieder ein klein wenig beiseite geschoben. Aber vor ein paar Tagen habe ich einen Buben gesehen, vielleicht 8 Jahre alt, offensichtlich kreisrunden Pizzaschnitten, quatschigen Burgers und dunkelbraun schäumenden Limonaden nicht abgeneigt, der die Straße leicht bergauf gehend plötzlich schnaufend stehen blieb und sich an die Knie griff – Gelenkschmerzen, Atemlosigkeit – und das bereits kaum den Windeln entwachsen? Wo versagt hier die Verantwortlichkeit der Erwachsenen? Auch dazu eine neue Erkenntnis: ab einem Alter, das sich reif und erfahren nennen mag, entsteht die beständige Angst, dass der eigene Sprössling oder das Kind, das einem in die Obhut gegeben worden ist, zu Schaden an Gesundheit und Leben kommen könnte im Verlauf des an sich angeborenen Bewegungsdranges, der junges Blut auf Bäume und Leitern lockt oder zu rasanten Abfahrten verleitet. Klar, keiner wünscht einem jungen Menschen Schmerzen oder gar Schlimmeres, aber jeder muss Erfahrungen machen, um dem Leben an sich begegnen zu können. Erfahrungen sind meistens mit einem Aua verbunden: Brandblasen an den Händen, aufgeschundene Knie, ein Kratzer am Kinn, ein eingeklemmter Finger. Das, was in meiner Kindheit eigentlich ganz normal war – ich erinnere mich noch sehr gut, dass mich meine Mutter in Mehl gewälzt hat, nachdem ich der 4-jährigen Meinung war, die Herdplatte muss doch schon wieder kalt sein; oder als mein Großonkel die große Flasche Arnika hervor holte, als ich im Laufen die Kontrolle über meine Füße verlor und ziemlich heftig auf den Knien über einen Schotterweg rutschte; oder an den sich verfärbenden Fingernagel, weil ich mich als Handwerker mit Hammer und Nagel versuchte; oder an die sichtbare kleine Narbe an meiner Hand, als ich beim Verfassen eines Linolschnitts mit dem scharfen Messer nicht die Platte, sondern mich selbst ruinierte. Das sind bleibende Erinnerungen, aber das sind auch Erfahrungen, die ich nicht missen möchte, denn ich habe danach nie mehr auf eine heiße Herdplatte gegriffen (sondern nur ins heiße Backrohr); ich bin nie mehr auf Schotter ausgerutscht (sondern im Wald über Wurzeln gestürzt); ich weiß, dass der Hammer im Werkzeugkasten gut aufgehoben ist (und lasse den Könner handwerken); ich habe meine künstlerische Ader in den (vorübergehenden) Ruhestand geschickt (und beschneide mich nur mehr hin und wieder beim Gemüse-Schnipseln). Also das, was „damals“ ganz normal war, wird jetzt oft bereits ein Fall für den Anwalt, denn jeder Schmerz hat einen Schuldigen hinter sich. Schmerzensgeld ist nichts Unübliches mehr. Neu ist, dass dies auf dem Rücken der Jüngsten ausgefochten wird. Die einen verdienen Geld damit, den anderen vergeht die Freude an ihrer Berufung. Auf lange Sicht sind aber die, die uns in ein paar Jahren geistig und körperlich überholen sollten, die Leidtragenden.

Also lasst Eure Kids auf die wenigen Bäume, die dazu geeignet sind, klettern; jagt sie hinaus auf die Spielwiese. Kauft genügend bunte Pflaster ein und orange-färbiges Jod. Eine Umarmung und tröstende Worte heilen jeden Schmerz und machen aus dem blutigen Knie ein Abenteuer. Abhärtung statt Verweichlichung – auf ins Boot-Camp!