Viele denken es sich wahrscheinlich schon seit langem, aber nur die wenigsten sprechen es auch aus.
Bis auf jetzt, denn „meine Kleidertausch-Queen“ hat die vielleicht naiv-anmutende und doch provokant-ehrliche Frage in den Raum gestellt: „Ist dir schon aufgefallen, dass viele Menschen immer ähnlicher aussehen?“ und weiter: „Passiert das mit Absicht?“
Eine gute und sehr subtile Fragestellung, die auch mich zum Nachdenken anstupst, denn die Frage zielt weniger auf die Gleichförmigkeit des getragenen Gewands ab, sondern darauf, dass sich gerade bei den „Jüngeren“ ein erschreckender Trend abzeichnet …
Doch bevor das Geheimnis gelüftet wird, lade ich auf eine kleine Zeitreise ein und kurbeln wir ein paar Järchen zurück bis in meine Kindheit und ein bisschen weiter:
Step 1 – Wieder Platz genommen in der Grundschule in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts: Hatte man ältere Geschwister, „durfte“ man noch brauchbare Kleidungsstücke „auftragen“, wohingehend Einzelkinder „notgedrungen“ immer nach der aktuellen Mode gekleidet waren. Die Haarfarbe war mit Sicherheit noch die natürliche, die Frisur je nach Haarlänge und Talent der Mütter, einen oder mehrere Zöpfe flechten zu können, individuell. Und keine einzelne Zahnlücke folgte irgendeinem Trend.
Step 2 – Holprig folgten dann die hormongesteuerten Teenagerjahre, wo die eigenen Pickeln im Gesicht in der Horde anderer Pubertierender vermeintlich weniger auffielen und wo insbesondere „taschengeld-freundliche“ Modeketten beste Freundinnen in ihren Sog zogen. Passte die eine coole, angesagte Jeans der einen, musste sie zwangsläufig auch der anderen passen, ungeachtet des nur langsam schmelzenden Babyspecks um die Hüften! Du warst schlichtweg out, wenn du dich nicht gleich oder zumindest ähnlich gekleidet hast wie die anderen – Zwang oder Erleichterung?
Das führt zur Frage: Ist der Mensch ein Einzelgänger oder ein Herdenmensch? Soweit zurück kann meine Zeitmaschine nicht reisen, doch „früher“ war das Überleben meist nur in der Gemeinschaft / in der eigenen Herde möglich. Gemeinschaft = Gefühl von Sicherheit. Damit ist das Bedürfnis, „dazu zu gehören“, offenbar tief in uns verankert, auch wenn querelierende Denker, wie Arthur Schopenhauer oder Friedrich Nietzsche, der Meinung waren, dass der Mensch ein egoistischer Einzelgänger sei und nur aufgrund kultureller Zwänge in Gemeinschaften lebe.
Step 3 – Irgendwann war man dann erwachsen, fand vielleicht (oder auch nicht) heraus, welcher Modestil und welche Farben einem stehen (für alle, die sich hier unsicher sind: ich kenne eine Top-Stilberaterin!!!), ging zum Friseur des Vertrauens und musste unter Umständen mit einer schmerzhaften Halux-Operation dafür büßen, doch irgendwann das falsche Schuhwerk getragen zu haben. Das Geld reichte für Brigitte, Freundin, Burda – und wie immer auch die gedruckten „Ratgeberinnen“ hießen -, um sich über die neuesten Trends in Mode und Kosmetik zu informieren. Aber – und das ist jetzt der entscheidende Punkt, bevor ich wieder ins Hier & Jetzt zurückkehre – Ich war Ich, weshalb ich mir auch den knallroten Lippenstift, der mir bei meiner großartigen Eintages-Karriere auf dem Laien-Laufsteg von der Visagistin auf die Lippen aufgetragen wurde (und der nebstbei angemerkt, aufgrund der hohen Temperaturen im Backstage-Bereich rasch ziemlich flüssig wurde …), nach dem Auftritt so schnell als möglich wieder loswerden wollte, weil weder Lippenstift noch Knallrot zu MIR passen!
Wieder zurück!
Wieder zurück fällt auf, dass insbesondere junge Frauen, meistens eigentlich noch Kinder, sich jetzt nicht nur gleich kleiden, sondern sie sehen auch von Kopf bis Nabel ziemlich ähnlich aus, ohne miteinander verwandt zu sein. Sie bewegen sich ähnlich – und sie sprechen auch sehr gleich mit einer Tendenz zum Hochdeutsch (und das egal, welcher Ort im Geburtsschein angegeben ist)!
Wie das?
Das lässt sich nur beantworten, wenn man einen Hang zu Social Media hat! Welche Auswirkungen hat es, wenn eine 22-jährige Influencerin, die „Teil haben lässt an ihrem ach so aufregenden Alltag“, so auf die Schnelle mal gleich 3 Millionen Follower hat? Wenn den unreifen Mädels suggeriert wird, dass die perfekte Augenbraue genau diese Bogenform haben muss, man mit einem falschen Wimpernaufschlag jeden Jungen übertölpeln kann, und man mit Gesäßeinlagen in der engen Tight vorgeben kann, arg trainiert zu haben – ohne ein bisschen Schweiß? Ist die Anleitung zum perfekten Selfie-Posing wirklich lebenserfüllend?
Ich habe verstanden, dass Influencing ein harter Job ist – aber es geht um „Beeinflussung“ – und das birgt in meinen Augen gewisse Gefahren: Was, wenn die Scheinwelt-Blase platzt? Was, wenn die Schönheits-OP daneben geht? Was, wenn die private Überschuldung in bedrohliche Armut führt?
Und was, wenn sich ein Mädchen „alles nach Vorbild richten hat lassen“ – und dann dieses Vorbild aus welchen Gründen auch immer in Ungnade fällt? Kann sich dieses Mädchen dann noch im Spiegel betrachten, ohne in Tränen auszubrechen?
Ich habe Mitleid – ja es ist wirklich Mitleid (!) – mit all jenen, die ihre eigene – grenzgeniale – eigenständige Persönlichkeit, wie ja jeder von „ganz alleine“ geschenkt bekommen hat, durch diesen „Insta-Uniformismus“, wie ich ihn nenne, verlieren. Verlieren bedeutet Verlust, bedeutet: Es ist vorbei!
Zurück in die Zukunft oder doch lieber Mut zur originären Individualität?
[Text erstellt ohne KI … :-)]