Ich habe das arge Gefühl, dass aufgrund des warmen Wetters alle bereits aus dem Winterschlaf erwacht sind und sich voll in die Arbeit stürzen. Ich habe jedenfalls mit dem Einlangen der Heiligen Drei Könige kaum Zeit für Zwischenatmungen und kaum Zeit, meine Gedanken in geordnete Fassungen zu bringen. Heute drückt der Nebel so stark auf die Augenlider, dass ich mich durch lautes Hämmern auf die Tasten wach zu halten versuche. Meine Gedanken in den Griff zu bekommen, ist auch nicht so einfach, denn die schwirren durch meinen Kopf und lassen sich nur mit viel Geduld einfangen. Also step by step oder passo dopo passo, wie ein schwungvoller Italiener zuraunen würde.
Ein neues Jahr hat begonnen, und mein Parfum geht dem Ende zu, was bedeutet, dass ich mich aus olfaktorischen Gründen mit dem Thema auseinandersetzen muss. Ich bin ja nicht der Typ, der sich einmal auf eine Duftnote eingeschworen hat, und ich bin absolut kein Chanel Nr.5-Typ, sondern ich gehöre zu eher denjenigen, die immer wieder mal einen anderen Duftbegleiter auswählen – ich bin sozusagen eine untreue Olfantin. Klar, ich habe ein, zwei Parfums (derzeit von Diesel), die ich quasi als backup vorhalte, für den Fall, dass meine Nase sich weigern sollte, einen neuen Duft an die Schleimhäute zu lassen. Also schleppe ich eines Samstags Bodo mit zur Müller Drogerie, greife mir einen Stapel Duftblättchen und orientiere mich in erster Linie an Designer, die ich schon mal kennen gelernt habe. Leider gibt es hier keine Hinweise auf „orientalisch“, „blumig“, „frisch“, sodass ich etwas wahllos aus dem Testflakon ein paar Spritzer in die Gegend sprühe und selten genug den weißen Streifen teste. Was frau nie machen sollte, ist, nach einem ausgedehnten Morgenlauf und ohne Frühstück im Magen die Nase zu strapazieren, denn der Alkohol in den einzelnen Parfums steigt mit einer steilen Gerade direkt ins Hirn und die unterschiedlichen Duftrichtungen legen sich bedenklich schief auf den Magen. Mir vergeht jedenfalls ziemlich rasch der Spaß am Schnuppern. Außerdem schwant mir, dass ich ziemlich blöd war, mich nicht im Dezember mit Nr.5, Cool Water, Sí, CK One, Opium, Hugo Femme, und wie die Düfte alle heißen mögen, zu beschäftigen, weil jetzt, im faden Jänner, sind alle preislich attraktiven Angebote mit dem Zauber der Weihnachtsbeleuchtung ausgelöscht, verpufft und einer schmerzhaften Realität gewichen. Kein Flakon wandert über den Scanner. Schwindlig verlasse ich diesen Ort künstlich erhellter Schönheit und muss was essen.
Aber ich will mich nicht geschlagen geben und wage am späten Nachmittag einen zweiten Versuch, denn es muss ein neuer Flakon ins Haus! Ich hoffe, das Überwachungsvideo wurde bereits gelöscht, denn es muss ziemlich peinlich ausgesehen haben, wie ich vor dem langen Ausstellungsregal stehe, hin und her tappe, wieder mit den weißen Streifen in der Hand und mich durch neue und bekannte Düfte durchschnuppere. Ich werde immer wieder zu Moschino hingezogen, einer Marke, die mich bislang so gar nicht berührt hat. Doch die Flakons stechen aus der Menge hervor, verspielt, witzig, fast ein wenig sexistisch. Ich schwanke schlussendlich zwischen zwei Düften: Funny oder Love? Funny besticht durch einen schlichten eckigen Flakon mit einem silbrigen Herzen. Love dagegen präsentiert sich in einem zylindrischen Turm mit einer kugelförmigen orangen Plastikkappe – zugegebenermaßen erinnert das schon ein wenig an – naja, an das beste Stück des Mannes. Das bringt mich zu einer weiteren Frage: die Entstehung eines neuen Duftes ist mit viel Experimentieren und Testen und großen Nasen verbunden. Und der Flakon ist eigentlich nur die Verpackung, das Gefäß, das den Duft einfängt und in kleinen Dosen mit sanftem Fingerdruck in die Atmosphäre entlässt. Warum aber wird so viel Kreativität in das Design eines 50ml kleinen Gefäßes gesteckt? Wird damit der satte Preis gerechtfertigt, der eine Frau regelrecht dazu zwingt, sparsam mit dem kostbaren Inhalt umzugehen? (Zum Glück mindert mein Geburtstagsrabatt – manchmal zahlen sich Bonus-Card doch aus – den Designpreis ein wenig.) Oder ist das auch Mode? Fast wäre ich jetzt dazu verleitet, mir in Zukunft alle Flakons meiner Düfte, aufzuheben. Aber nachdem ich keine Sammlerin bin (ausgenommen davon sind Schuhe) und ich nicht wüsste, wohin mit den leeren Glasfläschchen, werde ich dieses Hobby wohl gleich im Keim ersticken und dafür lieber eine frische Brise Duft inhalieren.
Ich habe mich für „Love“ entschieden.