Wort-o-Gräfin

Jemand, der sich zu typischen, aber auch untypischen Tageszeiten an normale, aber auch vollkommen individuelle Ort begibt, seine Augen wandern lässt und den Inbegriff eines Momentes in seinem Gehirn „be-greift“, schnappt sich ein Objektiv (Makro, Weitwinkel, wie auch immer) und fängt diesen besonderen Augen-Blick in einem Bild, einem Foto ein. Derjenige nennt sich schlicht und erhaben Fot-o-Graf.

Da mir die fotospezifischen Eigenschaften von Belichtungszeit, Blende, ISO trotz mehrmaliger mehr oder weniger geduldiger Belehrung weiterhin ein Mysterium bleiben und ich daher eher zum Automatisieren neige (und damit auf komplettes Unverständnis und enttäuschtes Gebrumme stoße), bleibe ich bei dem, was mir eher als Stärke zugeschrieben werden kann. Ich lasse meine oft wirren und konfusen Gedanken durch meine beiden Gehirnzellen tanzen (mehr intelligente Zellen traut mir Bodo nicht zu) und je nachdem, wo diese Gedanken dann in der Hirnrinde antutschen, entstehen Bilder, welche durch eine subjektive Linse gefiltert in einem weiteren Schritt in geschriebene oder gar ausgesprochene Worte gefasst werden. Anders als bei einem 120 Minuten Film, der fix und fertig gedacht, einem vor das Auge gesetzt wird und dieses eigentlich nur das weitergeben muss, was es zu erkennen glaubt, ist es mit Wörtern, die eine Geschichte, eine Anekdote, einen Witz, eine Boshaftigkeit oder was auch immer, erzählen, etwas anders. Ich gebe mein subjektiv gemaltes Bild weiter und setze damit beim Empfänger einen Wellenschlag frei, denn derjenige muss meine Worte in ein eigenes Bild übersetzen. Auch dieses subjektiv und wahrscheinlich in Teilen oder als Ganzes ein komplett anderes Bild, das wiederum aus neuen oder anders gruppierten Wörtern besteht. Und so geht es weiter, bis mein Bild immer weiter getragen wird und, wenn es wieder zu mir zurück kommt, ein ganz neues ist. Hoppla – so war das aber nicht gemeint! oder: erkenne ich dann überhaupt noch mein ursprüngliches Bild?

Was ist das Schöne am Schauen eines Thrillers, einer Liebeskomödie im Vergleich zum Lesen eines Thrillers, einer Liebeskomödie? Das eine ist bunt, laut, mit Musik hintermalt, welche die jeweilige Stimmung bereits vorappliziert, sodass man genug Zeit hat, sich einen Polster griffbereit vor die Augen zu halten, oder zum Taschentuch greifen zu können, bevor Salz und Rotz das gute Sofa ruinieren. Derjenige, der mitschaut, sieht quasi zeitgleich das Gleiche. Klar, jeder wird die gespielte Szene etwas anders empfinden (darüber kann man sich dann ja auch in eigenen Worten unterhalten), aber der Zeitfaktor, das Bild, der Ton sind ident (außer der eine muss schnell aufs Klo und verpasst den spannendsten Teil). Aber beim Lesen ist man allein; Lesen ist leise, Buntheit oder Schwarz-Weißmalerei entstehen erst. Personen, die im Buch beschrieben werden, werden im Kopf nachgezeichnet. Ich ertappe mich dann oft, dass ich der nur in Worten beschriebenen Person meistens das Gesicht und die Statur einer Person gebe, die ich in real Life oder im Fernsehen / Kino / Bildmagazin schon mal gesehen habe. Manchmal schaffe ich es aber auch, einen „Rohling“ zu nehmen und den dann mit bestimmten Gesichtszügen, Speckröllchen, dicken Titten langen Haaren oder einem muskulös-trainierten Sixpack auszustatten. Noch phantasiereicher wird es natürlich, wenn die Person in ihrer Körperlichkeit gar nicht beschrieben wird, wenn also nur die Handlungen in den Vordergrund gerückt werden. Dann wird es spannend, denn Bodo formt sich mit 100%iger Sicherheit ein komplett anderes Bild von der undefinierten, geisterhaften Gestalt. Ob das mit dem Unterschied der männlichen bzw. weiblichen Denkweise zusammenhängt, kann ich nicht sagen und nicht bestätigen. Da müsste es dann schon mehr Probanden geben. Wie oft aber wurde wir schon enttäuscht, wenn ein Buch verfilmt wurde und die Schauspieler, die sich im Casting durchsetzen konnten, so gar nicht dem entsprachen, wie ich es mir im Kopf ausgemalt hatte? Deshalb trenne ich lieber Buch von Film.

Jetzt fällt mir nichts mehr ein. Mein Bilderproduzent im Hirn braucht eine kleine Pause! … Die Wort-o-Gräfin

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