Die Vergänglichkeit eines T-Shirts

Welches Kleidungsstück ist einer nur allzu kurzen Lebensdauer – zumindest, was den mehrmaligen Wurf über den Kopf mit Locken, glatten Haaren, Stoppeln oder Glatze betrifft – unterzogen? In meinen Augen ist es das T-Shirt. Das Präfix „T“ deutet im ursprünglichen Sinn auf den Schnitt hin: gerade Taille, die leichthin auch schnell mal zum mehrfaltigen Rollmops mutiert, und leicht abstehende kurze Flügel, die an kräftigen Bizeps gespannt in den Nähte gefährlich zu ächzen beginnen.

Das T-Shirt als Ausdruck monochromer Einfältigkeit, quergestreifter Dualität oder künstlerisch übertriebener Phantasie. Das T-Shirt, versteckt unter Pullover oder Jacke getragen oder over all und dabei alles offenkundig preisgebend, was sich darunter verbirgt. Das T-Shirt ist in meinen Augen vornehmlich als verlässlicher Partner einer Jeans geworden, denn das macht es einfach: Hose an und Shirt drüber – zusammenpassen die beiden so gut wie immer. Aber weitaus schwieriger wird es, dass passende T-Shirt für eine andere, bunte oder sogar gemusterte Hose oder einen Rock zu finden! Ist das Shirt einfärbig gehalten, mag es vielleicht funktionieren, außer das Schwarz der Hose / des Rocks ist ein anderes Schwarz als das des T-Shirts. Und wenn erst mal ein Muster / ein Schriftzug auf das Shirt geprägt ist, ist es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, dass es hier zu einer harmonischen Partnerschaft kommt. Ich habe wahrlich genug T-Shirts angesammelt, weil das eine oder andere im Moment des Kaufrausches als überragend schien. Doch wenn dann der Augenblick der nüchternen Wahrheit, nämlich des Kombinierens kommt, weicht die Freude über die Beute einer schnell dahinsiechenden Mutlosigkeit, und ich gehe dem Problem aus dem Weg und ziehe ein Kleid an. Da muss ich mir nie darüber Gedanken machen, was an der Gürtellinie zusammenstoßt. Und trotzdem kaufe ich mir immer wieder mal ein T-Shirt. Ganz gefährlich, wenn man im Ausland ist und eine kleine Erinnerung mitnehmen will. Ein T-Shirt wiegt fast nichts, lässt sich in jeden noch so vollen Koffer stopfen und wird daheim dann den Tiefen des Kleiderschranks anvertraut. Komme ich aber jemals auf den Gedanken, hier in Wien ein T-Shirt anzuziehen, auf dem in großen geschwungenen Lettern Barcelona / Berlin / Madrid / Rom oder Velden steht?

Ich war gestern mit Bodo in der Stadt – weil ER dringend neue Jeans brauchte – zum Thema Langlebigkeit einer Jeans lässt sich kurz notieren, dass sein Lieblingsstück getragen wird, bis es im wahrsten Sinne des Wortes in der Mitte entzwei geht. Bodo´s an sich modisch zerrissene Hose bricht mittlerweile auch im Schritt – also höchste Zeit für eine neue Lieblingshose! Nach längerer Anprobe diverser Hosen von hell bis dunkel und einem glücklichen Gesicht, als wir mit dick-prallem Sackerl den Jackie Jones verließen, machten wir noch einen Abstecher in die weite Tiefe des P&C: dort türmen sich im Untergeschoss über weite Flächen T-Shirts über T-Shirts und noch mehr. Hier rein weiße Schlabberfetzen mit Aufdrucken aus der Pop-Welt, knallbunte Shirts mit viel Aufdruck á la American High School. Dort geraffte, zerrissene, fransierte Baumwolle mit einem Hang zu Polyester, Ethno, Batik, Hippie, floral – in welche Rolle man immer auch steigen will. Und ich? Welche Rolle spiele ich in diesem Wirrwarr? Ich flüchte alsbald, verwirrt, enttäuscht, verunsichert. Vielleicht fehlt es an der ultimativen Jeans, die es mir leichter machen würde. Aber nein, das wäre nicht ich! Ich lasse Bodo seine Mehr-Jahres-Jeans, bis es wieder Zeit für einen Abschied ist (die eine, deren Zeit abgelaufen ist, liegt noch immer herum; Bodo bringt es anscheinend nicht übers Herz, diesen lieb gewonnenen Freund von dannen ziehen zu lassen) und schlüpfe stattdessen in die hellbraune bzw. silbrig-graue locker fallende Hose mit tiefem Schritt oder die blitzblaue Schlangenlederoptik-Hose vom Parndorf-Anzug (derzeit mein absolutes Lieblingsteil!) und versuche, mit dem, was ich an T-Shirts noch habe (einige habe ich schlussendlich verschenkt), zu kombinieren – in der kalten Jahreszeit tue ich mir hier eindeutig leichter, wohl, weil hier die Kombinationsmöglichkeiten spezieller sind. Seitdem  ich warmen Sachen aber nicht mehr brauche – und seitdem mir der Hosenanzug gezeigt hat, dass frau auch im Blazer gute Figur machen kann, schlüpfe ich zumindest so lange in eine Jacke aus Stoff oder Leder, bis ich im überhitzten Büro oder wieder daheim bin. Und – ganz wichtig: ohne Schal / Tuch geht gar nichts mehr! Da hege ich bereits einen leichten Hang zum Fetischismus.

Und wenn alle Stricke reißen, muss ein Kleid her – aber auch da verfalle ich zunehmend in Un-Mut … aber das ist eine andere Geschichte!

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