Ich lebe … auf zu großem Fuß!

Ab wann wird man zum Wiederholungsjunkie? Ich bin ja eine begeisterte Thriller-Leserin – und da spricht man dann schon ab dem zweiten Mordopfer von einem Serienkiller. Nun gut, dann kann ich mich also auch schon als Wiederholungstäterin einstufen lassen – denn ich fuhr am vergangenen Freitag zum zweiten Mal mit einem vollgestopften Köfferchen in den 15. Gemeindebezirk, zu Alex´ monatlich stattfindender Kleidertauschparty. Pünktlich um 19 Uhr vor dem geschlossenen Haustor – blind wie ein Tiefsee-Aal konnte ich die passende Türklingel nicht ausfindig machen. Zum Glück kam da eine junge Frau und konnte mir weiterhelfen. Zwei Stockwerke zu Fuß hoch, zwischendrin noch ein „wichtiger“ Anruf, leicht atemlos dann endlich im Flur.

Die Gastgeberin in einem coolen Outfit – kommt die luftige Jacke vielleicht zur „Versteigerung“? – mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt. Im großen Zimmer schon weiße Sessel und ein paar wenige gepolsterte Stühle aufgereiht.

Auch wenn ich erst zum zweiten Mal hier bin, zeichnet sich doch ein deutlich erkennbares Muster ab, denn die „Stammgästinnen“ haben auch ihre Stamm-Stühle / -Sessel – neu sind die „Reservierungs-Kissen“! – und bilden ein zusammengeschweißtes Grüppchen! Damit wird die zweite (und zudem zahlenmäßig unterlegene) Gruppe der „Novizinnen“ und „Ich-komm-nur-hin-und-wieder-Teilnehmerinnen“ – räumlich an die schmäleren der vier Wände gedrängt. Mir macht das nichts aus, denn ich habe mich heute um einen Platz weiter nach links gesetzt als beim ersten Mal und habe alles gut im Blick! Dieses Mal sind so viele Ladies hier, dass die Gastgeberin gar keinen Sitzplatz mehr bekommt und stattdessen im Türrahmen stehend unser typisch weibliche Verhaltensmuster beobachtet und auch kommentiert.

Meinem Empfinden nach ist das heutige „Ich-“ und „Tanzkarte-„Schreien nicht so dynamisch wie bei meinem erstem Mal im November. Deutlich zeichnet sich auch ab, dass Wintersachen, wie dicke Strickjacken oder Schals, im Frühling kaum Abnehmerinnen finden – also Mädels: kommt damit erst wieder im Oktober!

Ich habe in meinen Koffer dieses Mal ein paar Zweiteiler eingepackt – aber ich glaube, dass die Oberteile und Hosen/Röcke ab nun getrennte Wege gehen! Es ging wieder mal so schnell, dass ich da den Überblick verloren habe … 🙂

Meine persönliche Lesson learned: Ich lebe einfach auf zu großem Fuß!

Schuhgröße 41 ist absolut OUT!

IN ist mitnichten der zierlich kleine Fuß in 37!

Also mussten meine HighHeel-Sandalen leider wieder mit … und ich weiß einfach nicht, wie und wo ich hierfür leidenschaftliche Trägerinnen finde …?

Auch in meinem Koffer, als ich mich auf den Heimweg machte: ein leichter schwarzer Mantel mit Bindegürtel – ein cooles Über-Drüber- und Aufpepp-Accessoire … mir schweben da schon einige Outfits im Kopf herum (bunt-gemusterte Yoga-Tights inklusive) –

… daher einfache Formel: Mehr Qualität als Quantität plus ein bisschen Phantasie und Vielfaches macht zusammen einen nachhaltigen Fashion-Gewinn!

Glaub an Dich und greife nach den Sternen

Eine Woche ist es her, da hatte ich einen echt guten Flow – bin seit etlichen Jahren des inneren Widerstands wieder einmal beim Vienna City Marathon mitgelaufen – wohlweislich aber nur in der halben Distanz. Zu mehr – ehrlicherweise – haben Ehrgeiz und Motivation nicht gereicht, insbesondere, weil in der Vorbereitungszeit weder Körper noch Geist dazu bereit waren, auch samstags früh morgens aufzustehen und 2 bis 3 Stunden laufen zu gehen. Und was ich im Training morgens nicht leiste, das passiert auch zu späterer Tageszeit nicht mehr – shoppen, putzen, lesen, faulenzen, mit Bodo was unternehmen … wo lassen sich da dann noch 3 Stunden schweißtreibende Bein- und Lungenarbeit unterbringen? Außerdem gehört die Wiener Streckenführung nicht zu meinen beliebtesten – beim letzten 42-km-Start bin ich deswegen auch bei Kilometer 27 einfach stehen geblieben …

Also bin ich 2-3 Mal pro Woche – einfach so – laufen gegangen, 75 … 80 … 90 Minuten, seltener auch länger. Kein Druck, kein Stress, einfach dem Restschlaf und der Müdigkeit weglaufend, morgens zwischen 5:30 und 7:00 Uhr.
In der Woche vor dem Start natürlich Unruhe, Bauchweh, Ängste, Zweifel, noch wenig Vorfreude, …
Erst beim Abholen der Startnummer kamen positivere Gedanken hoch, die Ziffer 14617 bekam mit einem Mal einen spritzig-prickelnden Beigeschmack – auch wenn nicht durch Drei teilbar. Ein neues Shirt im Lagenlock, ein neues Bustier, weich und in Koralle – ich denke: Jetzt bin ich bereit für den Start!

Das Wetter am Sonntag: kühl, aber sonnig und wenig Wind – ich bin mir sicher, alle 40.000 am Start spürten die good vibes, insbesondere, als das 200 m² große Transparent mit dem Erste Bank Slogan #GlaubanDich über alle ungeduldig wartenden Köpfe hinweg gezogen wurde …

Glaub an Dich! Jawohl! Ich glaube an mich!

Dieses Mantra hat mich unbewusst/bewusst auf den beinahe kurzweiligen 21 km begleitet. Vom ersten Schritt, den ich über die Startlinie machte, bis zum letzten Hüpfer über die Ziellinie hatte ich einen positiv bestäubten Flow. Alles, was mich nur irgendwie negativ hätte beeinflussen können, wurde wie durch Magie ausgeblendet. Die vielen Mitläuferinnen nur ein buntes Bild und kein Hindernis, das Überholen gelang mit Leichtigkeit, das Ausweichen mit der nötigen Flexibilität, den leichten Anstieg bis nach Schönbrunn kehrte ich ins Gegenteil um, beim letzten Kilometer wurde nochmals kurz der Turbo eingeschaltet – nur an den beiden langsamen Läufern wenige Meter vor dem Ziel kam ich nicht vorbei – was soll´s: ich kam fast zeitgleich mit dem schnellsten Mann ins Ziel …. ok, ok: ertappt: der lief natürlich die doppelte Strecke!

Zugegeben: Kurz am Start war ich ein bisschen neidisch auf alle Startnummern, die sich als total-distance zu erkennen gaben; knapp vor dem Ziel, wo sich die 42 von den 21 km trennten, war ich versucht, auch auf der linken Spur zu bleiben. Aber dann im Ziel, tief ausatmend und den menschenüberfüllten Einlaufbereich langsam gehend verlassend, war´s dann doch total ok – besonders für meine Waden und Oberschenkel!

Angenehme Erschöpfung und gleichzeitig viel positive Energie – was kann man sich mehr wünschen? Ich muss nicht unbedingt zu den Sternen gelangen, ich bin einfach happy, dass ich es noch „kann“ – die Zeit meiner persönlichen Geschwindigkeits-Bestzeiten sind zwar vorbei (aber: mit 1:49 auch nicht gar so übel), aber ich glaube, dass die Zeit meiner persönlichen Mental-Bestzeiten eben erst begonnen hat – Ich glaube an mich!

Noch zwei (2) Monate …

Ohh – bald ist es wieder soweit – und es GEHT wieder los!

Und damit jeder versteht, warum wir 2019 einen Landstrich mit viel Abwechslung durchwandern wollen, unsere Erfahrungen aus 2018 – wieder verpackt in einem illustrierten Bericht (Es kann etwas dauern, bis das Titelbild erscheint … und natürlich auch die vielen, vielen Folgeseiten!) … viel Vergnügen beim Blättern und Lesen!

http://www.brinkmann.at/sempredritto–immergeradeaus.pdf

40 Tage Achtsamkeit

Ich schreibe gerne – privat: Reisetagebücher, Yogatagebuch, Blogs / beruflich: Protokolle, Protokolle, Protokolle – und jetzt auch für das Pfarrblatt, das in diesen Tagen mit einer Auflage von ein paar Tausend erschienen ist (die meisten Exemplare sind wahrscheinlich bereits im Altpapier gelandet …).

Passend zur Jahreszeit ist mein Beitrag der Fastenzeit gewidmet – und nachdem wir da heute fast in der Halbzeit angelangt sind, dachte ich mir, dass meine Gedanken vielleicht auch papierlos zur Anregung dienen könnten …

… daher …

Fasten 2019 – Mit Achtsamkeit und fröhlichem Herzen von Allem ein bisschen weniger!

Jetzt ist sie wieder da, diese ganz besondere Zeit des selbstauferlegten Verzichts. Auf was man verzichtet und wie man fastet, hat sich im Laufe der Jahrhunderte stark verändert. Heute ist es, unabhängig von einer Glaubensorientierung, fast schon ein gesellschaftliches „Muss“, sich dieser Challenge zu stellen. – Und? Was machst du heuer in der Fastenzeit? Diese subtile Fragestellung zielt natürlich darauf ab, dass der andere geradezu mit „Ich […] NICHT“, „Ich […] KEIN(EN) […]“ antworten MUSS! Wäre es nicht besser, das persönliche Fastenopfer klein und bescheiden zu halten als öffentlich zur Trophäe zu machen? Oder braucht man die Öffentlichkeit als Ansporn, durchzuhalten und nicht zu versagen?

Neujahrs-Vorsätze sind eigentlich ja nur dazu da, dass sie bereits nach wenigen Stunden oder Tagen aufs nächste Jahr verschoben werden. Selten erreicht ein Neujahrs-Vorsatz den 21-Tage-Schwellenwert, den es wissenschaftlich belegt benötigt, um einen „Vorsatz“ zu einer „Gewohnheit“ umzuprogrammieren. Und jeder hat Verständnis dafür.

Fasten-Vorsätze hingegen werden da schon etwas ernster genommen. Worauf verzichtet wird, unterscheidet sich je nach Religion. Im religiösen Kontext dient das Fasten unter anderem der Reinigung der Seele, der Buße, der Abwehr des Bösen, dem Streben nach Konzentration, Erleuchtung oder Erlösung. Fasten ist die persönliche Einladung, sich auf das Wesentliche zu besinnen, nachzudenken und durch bewussten Verzicht die eigene Existenz zu überdenken.

• Fasten im Christentum – 40 Tage bewusster leben, um sich auf das wichtigste Fest im Christentum vorzubereiten. Von Aschermittwoch bis Ostersonntag, 46 Tage, die dank der Synode von Benevent im Jahr 1091 durch 6 „Jokertage“ auf 40 symbolhafte Tage verkürzt wurden. Knapp 6 Wochen, grob gerundet 10 % über ein Jahr gesehen, also nicht viel und doch eine große Chance.

• Fasten im Judentum – Faste oft, aber höchstens 25 Stunden: „Jom Kippur ist ein Tag, an dem wir auf so viele materielle Sachen verzichten, dass wir mehr wie Engel als Menschen sind. Wir verbringen den ganzen Tag in der Synagoge mit Gedanken an Reue oder die Rückkehr zu Gott.“ [Steven Langnas, Münchner Rabbiner]

• Fasten im Islam – Ramadan – Fasten, bis die Sonne untergeht: „Oh Ihr, die Ihr glaubt, vorgeschrieben ist Euch, zu fasten, so wie es denen vorgeschrieben war, die vor Euch lebten, auf dass Ihr gottesfürchtig werdet […] Und esst und trinkt, bis der weiße Faden von dem schwarzen Faden der Morgendämmerung für Euch erkennbar wird. Danach vollendet das Fasten bis zur Nacht.“ [Sure 2, 183]

• Fasten in der orthodoxen Kirche – Nahrungsverzicht: “veganes Leben light”

• Fasten im Buddhismus – Fasten als Einkehr: die Überwindung der Ursachen von Leid, beispielsweise durch Egoismus

• Fasten im Hinduismus – Askese als Lebensaufgabe: Fasten bis zum Ende (Prayopavesa)

Ich kenne aber genug Menschen, die mit Religion bzw. der Kirche „nichts am Hut“ haben und sich trotzdem dem 40-tägigen Fasten anschließen. An erster Stelle steht natürlich der Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel und Getränke. Wie praktisch, dass die christliche Fastenzeit direkt an die üppigen Weihnachtsfeiertage und die ausschweifende Faschingszeit anschließt: Entschlacken, Detoxen, Tuning für die warme Jahreszeit? Oder Fasten als therapeutische Motivation, die Ernährung vorübergehend oder auf Dauer umzustellen?

Heil-, Basen-, Intervallfasten und Trinkkuren … Internet und Bücherregale sind voll mit guten Ratschlägen und Anleitungen. Der Fasten-Tourismus boomt. Ist Fasten daher zu einem saisonalen Lifestyle-Event geworden?

Aber egal, aus welcher Motivation heraus: Fasten hat immer mit Veränderung des eigenen Ichs zu tun, mit einer Änderung fest eingetretener Alltagsgewohnheiten. Das schließt in unserer heutigen Zeit vermehrt auch den Umgang mit Smartphone, Internet, Social Media oder dem Auto ein. So, wie Hobbygärtner schon darauf warten, die Erde umzugraben, leistet Fasten einen wesentlichen Beitrag dazu, das eigene Ich umzugraben, Luft ran zu lassen und positive Nährstoffe freizusetzen.

Und wie gehe ich selbst mit dem Fasten um?

Ich kann mich an eine Zeit erinnern, da war der Aschermittwoch ein grauenvoller Tag für mich. Meine Gedanken drehten sich bis zur „erlösenden“ Suppe am Abend nur ums Essen, was umso verwunderlicher ist, da es genug Tage in meinem (Berufs)Leben gibt, an denen ich den ganzen Tag nicht zum Essen komme und deswegen nicht gleich verzweifle.
Mittlerweile bin ich zum Glück gelassener im Umgang mit dem Aschermittwoch, und den Karfreitag verbringe ich nach Möglichkeit bewusst reduziert in allem, was tagsüber so anfällt.

Und was ist in der Zeit dazwischen, der Fasten-Zeit?

Ich ernähre mich schon sehr lange vegetarisch, trinke keinen Kaffee und habe noch nie geraucht. Der Wegfall eines Hin-und-Wieder-Gläschens Prosecco stellt keinen echten Verzicht dar. Süße Gelüste zwischendurch lassen sich leicht durch ungesalzene Nüsse ersetzen. Ich betreibe mehr als regelmäßig Sport. Und social-media-abstinent bin ich schon mal aus Prinzip. Anstatt die Augen bei einer flachen TV-Soap zu entspannen, gebe ich Dokumentationen aus dem Tierreich den Vorzug – nebstbei: früher schlafen gehen ist sicher auch kein Fehler! Und anstatt aus Langeweile auf eine ausgedehnte Online-Shoppingtour zu gehen, widme ich mich lieber der Vorbereitung unserer diesjährigen Jakobsweg-Etappe.

Somit alles kein wirklicher Verzicht!

Wodurch also kann ich meinem „Fasten 2019“ eine besondere Prägung geben?

Ich werde ein kleines Fasten-Tagebuch mit dem Titel „40 Tage Achtsamkeit“ führen. Dort soll jede noch so kleine Handlung niedergeschrieben werden, die achtsam und mit Selbst- bzw. Nächstenliebe begangen wurde. Das kann ein Lächeln einem fremden Menschen gegenüber sein, ein freundliches Wort gegenüber jemanden, wo der Sympathiegrad nicht sehr hoch ist, ein kurzes inniges Gebet oder einfach mal ein Stillsein.

Tun. Niederschreiben. Merken. Nachlesen. Wiederholen. Sich besser fühlen.

Gut fühle ich mich schlussendlich auch mit „meiner“ Fastensuppe. Es gibt mehr als genug Rezepte dafür. Und auch die katholische Frauenbewegung verwöhnt für einen guten Zweck am Suppensonntag mit hausgemachten warmen Speisen zum Löffeln. Ich selbst bin mitnichten keine große Köchin, halte mich nie an durchdachte Rezepte, sondern folge lieber meiner Intuition bzw. dem Inhalt meines Kühlschranks. Daher könnte „meine“ Aschermittwoch-Suppe möglicherweise so aussehen:

Lauch oder Zucchini, Karotten, Zwiebel; je nach Belieben grob oder fein aufschneiden (ich bin eher der „schnelle Grob-Schnipsel-Typ“, damit ich dann auch etwas zum Kauen habe); wer keine Zeit und Lust hat, mit dem Messer zu arbeiten, dem empfehle ich die Tiefkühl-Gemüsemischung Karfiol-Brokkoli-Karotten. Gemüse in Öl ganz nach Geschmack und Vorlieben anschwitzen bis leicht anrösten, Ingwer dazu (gibt es fein gemahlen als Pulver oder cremig als Paste), vielleicht auch Petersilie, grob gezupft; mit gut-viel Wasser (ca. 500 ml pro Person) aufgießen und aufkochen lassen; dann natürlich die (rein pflanzliche) Suppenwürze hinzu. Da ich es gerne scharf mag, kommt sicher noch Curry- oder Chili-Gewürz hinein. Alternativ könnte man die Suppe mit Tomatenmark auch rötlich einfärben. Ein paar Minuten kochen lassen, dann den Herd abdrehen und noch nachziehen lassen. Allenfalls noch ein bisschen mit Pfeffer und Kräuter- oder Meersalz nachwürzen. Noch besser schmeckt die Suppe, wenn sie am Vortag vorbereitet und dann aufgewärmt wird. Am Aschermittwoch verzichte ich auf Parmesan, stattdessen gibt es eine Scheibe Knäckebrot dazu.

Fasten ist eigentlich keine allzu schwere Übung, solange man vom Überfluss ein bisschen weniger in sein Leben hineinlässt und gleichzeitig ein fröhliches Herz bewahrt.

p.s.1: Ich nehme das Fastentagebuch-Schreiben wirklich ernst und notiere da auch schon mal selbstkritische Gedanken, wenn mir etwas an mir auffällt, was nicht so nachahmenswert ist.

p.s.2: Anbei auch das Layout!

Pfarrblatt Maria-Drei-Kirchen

108 Sonnengrüße

Ich glaube, auch Nicht-Yogis sind die Sonnengrüße ein Begriff. Nein, es handelt sich nicht um leichtes Winken mit der Hand, sondern um eine Abfolge von Bewegungen, die mit der Ein- und Ausatmung einhergehen und den Körper optimal auf yogische Betriebstemperatur bringen. In der von mir bevorzugten Ashtanga-Praxis sind die Sonnengrüße vielleicht noch ein bisschen dynamischer als in anderen, ruhigeren Yogaarten. In meinem Yogaunterricht muss ich immer wieder erkennen, dass einige Praktizierende im tiefen Liegestütz und im abschauenden Hund an ihre Grenzen kommen, wenn Rumpf- und Armmuskulatur bzw. die Handgelenke zu schwach sind.

Sonnengrüße sind im Yoga einfach essentiell!

Sonnengrüße können routinemäßig abgespult oder wunderschön zelebriert werden. Im Grundkurs wird die Abfolge gerne seziert und schlussendlich wieder zum großen Ganzen zusammengesetzt.

Und dann gibt es die Besonderheit der „108 Sonnengrüße“, die gerne dann praktiziert wird, wenn ein Energiewechsel stattfindet, zum Beispiel zum Jahresanfang oder zur Sommersonnenwende!

Warum gerade 108? Ich habe dazu ein bisschen recherchiert, zumal in dem „Workshop“, den ich vor kurzem besucht habe, darüber leider kein einziges Wort gefallen ist:

• Die Zahl 108 gilt im Yoga, sowie in verschiedenen Traditionen auf der ganzen Welt, als heilig, ist eine glücksverheißende und eine bedeutende spirituelle Zahl.
• Sie repräsentiert die Gesamtheit der Existenz.
• Die Zahl 108 ist eine kosmische Ordnungszahl, die sich wie folgt zusammensetzt:
o 12 – die Anzahl der Monate im Jahr
o 3 x 12 = 36 – die 3 steht für die 3 Dimensionen in unserem Leben
o 3 x 36 = 108 – diese 3 steht für Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft
o Die Zahl 9: die Zahl der Weisheit – sie steht für die höchste Vollendung: 1 + 0 + 8 = 9
o Jedes ganze Teilergebnis der Zahl 108 ergibt addiert die Zahl 9 (108 / 3 = 36 → 3 + 6 = 9).

• 1, 0 und 8: Einige sagen, dass die „1“ für Gott bzw. die höhere Wahrheit steht, „0“ für Leere und Vollständigkeit in der spirituellen Praxis und „8“ für Unendlichkeit und Ewigkeit.
• Insgesamt laufen 108 Energielinien im Körper zusammen, um das Herz-Chakra zu bilden.
• Im Ayurveda werden 108 Druckpunkte beschrieben.
• In der Astrologie gibt es 12 Tierkreiszeichen und 9 Planeten. 12 x 9 = 108.
• … und noch viele andere Auslegungen!

Mit diesem Google-Wissen im Kopf und großer Erwartung in den Fingerspitzen machte ich mich also in aller Früh auf den Weg in ein mir unbekanntes Yogastudio irgendwo im 8. Bezirk, nahe am stark befahrenen Gürtel. Leider hatten sich nur vier Yoginae für den 2-Stunden-Workshop angemeldet. Tatsächlich waren wir dann nur zu dritt.

Der Yoga-Raum im Erdgeschoss, zwei Straßenfronten, große Kälte-abstrahlende Glasfronten, …

nur ein (sichtbarer) Heizkörper!

Ich friere selten, aber da musste ich mir doch schnell meine löchrigen Socken und meinen Kuschel-Schal aus der Garderobe holen!

Unsere Yoga-Lehrerin – freundlich-aufgedreht – startete mit einer kurzen Herz-Meditation (weil das Workshop-Datum nahe am Valentinstag war) und einer kleinen Atemübung.

Und mir wurde immer kälter!

Nur eine knapp gehaltene Anleitung, dass die Sonnengrüße in einer steten Aneinanderreihung ohne Pause, einer Perlenschnur gleich, durchgeführt werden. Eine Yogina entschied sich für die Intervall-Variante, sprich im Wechsel 10 Sonnengrüße mitmachen bzw. 10 Sonnengrüße aussetzen.

Für mich kein Thema – bin ich doch extra hergekommen, um zu spüren und zu erfahren, wie sich 108 Sonnengrüße anfühlen!

Völlig unerwartet aber und daher äußerst befremdlich für mich – und auch die beiden anderen – war aber die Geschwindigkeit, die uns die Yoga-Lehrerin vorgab! Nichts mit gleichmäßigem Ein- und Ausatmen, von einem regelmäßigen Yoga-Rhythmus keine Rede! Mein Puls fing alsbald zu galoppieren an. In meiner Nase sammelte sich Schleim und ich konnte nur mehr durch den Mund atmen.

108 Sonnengrüße – Meditation in Bewegung! Aber dieses Tempo? Ich hatte ein bisschen das Gefühl, gehetzt und getrieben zu werden. Vielleicht sind 108 Sonnengrüße mehr als Yoga-Workout denn als Yoga-Inspiration zu sehen?

Bei den ersten 10 Sonnengrüßen dachte ich: Das wird eine langwierige Angelegenheit.

Nach den ersten 40 Sonnengrüßen wurde mir endlich warm.

Nach 60 Sonnengrüßen tropfte dann endlich der Schweiß von der Stirn.

Und bald schon hieß es: „Die letzten 8!“

108 Sonnengrüße – und keine Zeit, schweren Gedanken nachzuhängen. Leichte Gedankenblitze drehten sich eigentlich nur um die Frage, mit welchem Bein ich zurück- bzw. wieder nach vorne steigen sollte, um hier nicht zu einseitig zu werden. Ans Mitzählen musste ich zum Glück keinen einzigen Gedanken verlieren – diesen Part erledigte die Yoga-Lehrerin mit Hilfe kleiner Steinen aus Bali.

108 Sonnengrüße – ich bin zwar um eine intensive Erfahrung reicher, aber von den zuvor zugrundeliegenden Attributen, wie glücksverheißend, spirituell, kosmisch etc. etc. war leider gar nichts zu spüren, da dem Workshop eindeutig die entsprechende Inszenierung gefehlt hat.

Die nächste „Chance“ auf 108 inspirierende Grüße an die Sonne bietet sich im Juni zur Sommersonnenwende … mir schweben da schon eigene Ideen im Kopf herum …

Robin allein zu Haus

Für Bodo: ROOMBA
Für mich: ROBBIE!!!

Was? Ein Neuer?

Ja, sozusagen …. Seit ein paar Tagen haben wir ein niedliches Haustier – haart nicht, schnurrt, ist flink wie ein Wiesel … und frisst am liebsten STAUB!

Tatsächlich! Roomba/Robbie ist ein staubfressender Roboter!

Niemals, nein, niemals hätte ich mir gedacht, dass ich mich zu so einem Hightech-Dingsda hinreißen lassen würde – aber: sag niemals nie!
Angefangen hat das Ganze, als in einer netten Runde über die Entwicklung der kleinen Roboter philosophiert wurde: vom lauten und eher unkoordinierten Helferlein zu einem akustisch annehmbaren, halbwegs intelligenten System. Meine Schwester Julia hat meinen interessierten Gesichtsausdruck – ohne, dass ich es registriert hätte – mit einem aufmerksamen Auge gescannt und mir zum Geburtstag ein großes Paket überreicht – Wow! Die Freude war echt und groß –
… und Bodo hat weiter recherchiert mit dem Ergebnis, dass wir auf ein aktuelleres Modell umgestiegen sind – optisch nahezu ident, aber mit App-Funktion, sodass von überall aus startklar machbar.

Und dann standen wir beide wie Jungeltern in der Wohnung und sahen zu, wie sich Roomba/Robbie mit unserer Wohnung vertraut machte:
Der erste Auslauf war echt konfus – hin und her, wieder zurück zur Homebase, neuer Anlauf, an einem Hindernis angetutscht, kurz gewackelt und weiter gemacht, auf dem Teppich laut protestierend, ängstlich gegenüber Fransen, schließlich müde zurück ins „Bettchen“ – und die Windel voll!
Beim zweiten Mal waren wir bereits in der Trotzphase angelangt: „Nein, ich will noch nicht ins Bett!“ Erst mit sanften Fußstubsern gelang es uns, Roomba/Robbie in die richtige Richtung zu lenken – ein Spaß!
Aber Roomba/Robbie lernt schnell! Bald gab es deutliche Anzeichen von Erinnerung und Wiedererkennung – viel zielgerichteter und damit effizienter wurden damit die staubbeseitigenden Ausflüge.
Und mittlerweile darf er schon alleine im Wohnzimmer spielen – Robin allein zu Haus!

Wo es aber auch für uns noch zu lernen gilt, sind die Bereiche Eingang, Bad und WC: offene Schuhe mit Schnürsenkel oder der hochflorige Badteppich sind nicht bezwingbare Hindernisse – und der lichte Abstand zwischen Toilette und Fliesenboden ist um ein Eitzerl kleiner als Roomba/Robbie hoch ist – das wurde ihr/ihm zum schmerzvollen Verhängnis: die/der Arme ist stecken geblieben! – Ich denke, ich bleibe in diesem Teil der Wohnung lieber bei Swiffer und Nass-Pflege!

Das, was der Dyson-Staubsauger und der Swiffer-Mob in vielen Jahren nicht geschafft haben, hat dieses kleine runde Wesen in Null-Komma-Nix erreicht: Bodo ist zum Cleaning-Manager geworden. Er aktiviert unseren kleinen Star per Fernbedienung und „wechselt die Windeln“ (Roomba/Robbie ist nämlich auch ein kleines Tamagotschi und will gereinigt und verhätschelt werden!) –
Und ich? … kann abends heimkommen und barfuß über einen staubfreien Parkettboden gleiten –
So lässt es sich leben!

Das ist nicht zum Kichern!

Es ist nun schon einige Jahre her, da machte ich eine etwas unerfreuliche Erfahrung. Es gibt eine bestimmte Hülsenfrucht, die mich leider nicht zum Kichern bringt, sondern zum … Erbrechen!

Das erste Mal, dass ich eine schlimme Nacht hatte, war während eines Besuchs bei meiner jüngeren Schwester, nach einem hervorragend zubereiteten indischen Gericht … diese Nacht war echt schlimm …

Das zweite schlimme Mal widerfuhr mir, als ich gegen meine Natur, Mittagspause am Wiener Naschmarkt machte und einen orientalischen Teller bestellt – an die Baubesprechung vom Nachmittag habe ich keine Erinnerungen mehr …

Und nicht nur aller guten Dinge sind Drei, sondern manchmal auch aller schlechten Dinge, als nämlich bei einer Abendveranstaltung, wo es um Tablets der ersten Stunde ging, kleine Snacks gereicht wurden – wer nimmt schon an, dass kleine, gelbliche, zipfelig geformte Kügelchen das Zapferl im Hals so arg quälen können?

Nach diesen drei lehrreichen Erfahrungen war ich daher immer sehr aufmerksam, wenn es um asiatische und exotische Gerichte ging.

In letzter Zeit dürfte ich aber etwas nachlässig geworden sein – oder kommt die Unachtsamkeit daher, dass ich ohne Sehhilfe im Supermarkt einkaufe und mich auf das Groß-Gedruckte verlasse? Zuerst waren es verlockende Tiefkühlgerichte – Gemüse mit Bulgur oder Quinoa oder Dinkelreis -, dann leckere Thunfischsalate mit Gemüse und Getreide verfeinert und gestern eine fertig zubereitete Süßkartoffelsuppe, die daher erst in der Pfanne bzw. im Kochtopf ihren wahren Inhalt sichtbar werden ließen. In allen diesen Speisen, die laut Werbung eine vollwertige, nahrhafte und gesunde Lebensweise für –Unter-der-Woche, wenn abends nicht viel Muse zum Selber-Schnipseln da ist, unterstützen, lauern sie, diese frechen Teilchen, die mein Körper ziemlich deutlich ablehnt.

Hat er vielleicht etwas dagegen, wenn die Organe den Mageninhalt kichernd lustig finden?

Oder ist er verwirrt, dass die Erbse gelb und nicht grün ist?

Wie auch immer: Bodo hatte das bessere Auge als ich und war so lieb, die Kügelchen aus der Pfanne herauszufischen. In der Suppe aber stand die Süßkartoffel zwar als Hauptdarstellerin auf der Dose, spielte aber in Wirklichkeit nur eine untergeordnete Nebenrolle. Da half auch kein Herausfischen mehr: die Suppe gehörte Bodo allein. Ich glaube, da ist auch ihm das Kichern vergangen!

Liebe Kichererbse, (Cicer arietinum), auch Echte Kicher, Römische Kicher, Venuskicher oder Felderbse genannt, du bist eine Pflanzenart aus der Gattung Kichererbsen (Cicer) in der Unterfamilie Schmetterlingsblütler (Faboideae) innerhalb der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae) und nicht verwandt mit der Erbse (Pisum sativum), bist eiweißreich und glutenfrei, wirst zu Falafel und Hummus verarbeitet, gerne püriert und man kann dich auch zusammen mit Joghurt als Peeling verwenden.

Aber du trägst auch den unverdaulichen Giftstoff Phasin in dir und einen relativ hohen Anteil an Aminosäuren.

Möglich, dass mir daher das Kichern im Hals stecken bleibt?

Nimm es mir daher bitte nicht übel, dass wir beide keine Freunde werden können!

Essig macht nicht nur sauer

Das stille Örtchen –

sollte nach Möglichkeit für brillante Aufenthalte sorgen – für den einen mit Genuss und Muse, für den anderen nur als kurzer Einkehrschwung.

WC-Sitz und WC-Deckel – für so manches Pärchen / Wohngemeinschaft schon mal Anstoß zu einem Zank, wenn es darum geht, ob der Deckel oben bleiben darf oder nicht.

WC-Sitz und WC-Deckel – aus Kunststoff und mit den Jahren verfärbt – dies als Anstoß, sich darüber Gedanken zu machen, was man dagegen tun kann.

Wir spielen aktuell mit dem Gedanken, eine neue WC-Sitz-Deckel-Garnitur zu kaufen oder gleich ein neues WC-Set all inklusive, da ein solches meistens in Relation günstiger ist als nur die Klobrille allein.

Aber WC-Sitz ist nicht gleich WC-Sitz – und wenn auf einem keine Serien-/Artikelnummer drauf steht, umso schwieriger, einen passenden Ersatz zu finden.

Es wird empfohlen, eine Schablone anzufertigen. Ganz wichtig dabei, den Abstand der Scharniere abzumessen!

Also ab zum Bauhaus im 3.Bezirk. Dort einigen wir uns auf eine Garnitur mit Absenk-Automatik. Der Verkäufer, auf die Frage, ob der Scharnierabstand wesentlich ist: Nein, das ist alles genormt. Nun gut, uns kommen zwar Zweifel, weil zwischen 20 und 16 cm doch ein 4-cm-Unterschied besteht, aber wenn der Profi meint … Nur blöd: in diesem Bauhaus ist keine Garnitur lagernd, und das Ausstellungsstück darf nicht verkauft werden. Ein Blick in den Comupter sagt: im 22.Bezirk gibt es zwei Artikel auf Lager. Also hin, über die Donau bei heftigem Wind und Regen. Dort dann die Mitteilung: Von den beiden Garnituren ist eine zerbrochen und die andere auch ein unverkäufliches Ausstellungsstück – der Kollege hätte besser vorher anrufen sollen! Macht der Verkäufer im 22. dann mit der Filiale im 21.Bezirk – wir kommen auf unserer Odyssee in Gegenden, da waren wir noch nie! Aber in diesem Bauhaus wird uns endlich der gewünschte WC-Sitz-Deckel gegen den Einwurf einiger Scheine ausgehändigt. Daheim dann aber – wie insgeheim befürchtet: der Abstand der Scharniere passt nicht zum Abstand der Löcher in der WC-Keramik – da hilft auch keine Norm! Frustriert packen wir alles wieder ein und bringen das Ding zurück, und bekommen das Geld retour. 3 Stunden für nix!

Bodo macht sich bei einem Installateur schlau: „unseren“ WC-Sitz-Deckel gibt es – Kostenpunkt: 230 Euro! Noch teurer als das „genormte“ Teil – ich bin noch nicht überzeugt …

und greife am Freitag nach dem Joggen (dieses Mal ohne Schaufenster-Versuchung!) spontan zum Essigreiniger, mache mich mit einem Schwamm über den WC-Sitz her und bearbeite ihn mit viel Engagement und Muskelkraft. Als dann ein Erfolg sichtbar wird, beginne ich innerlich zu strahlen – Essig macht eben nicht nur sauer, sondern auch sauBer!

Zumindest vorübergehend … mein Triumph wird durch Bodo´s kluges Wissen (nicht umsonst ist er ein heißer Wer-weiß-denn-sowas-Fan) gleich mal ordentlich gedämpft: Mit dem kratzigen Schwamm und dem scharfen Essig habe ich wohl nicht nur die Verfärbungen, sondern auch die dünne Schutzschicht entfernt – dh die Freude wird nicht ewig währen!

Egal – ich werde fürs Erste und in der nächsten Zeit meine kurzen Einkehrschwünge genießen – und dann sehen wir weiter!

Versuchung im Ausverkauf

Morgendliche Joggingrunden können schon mal einen ganz anderen Verlauf nehmen.

Am vergangenen Mittwoch bin ich wie an jedem Wochentag brav um 05.15 dem Ruf des Weckers gefolgt, habe mir noch schlaftrunken und ziemlich gedankenleer meine Laufsachen angezogen, den Wohnungsschlüssel eingesteckt, die Lautsprecher ins Ohr gestöpselt und meine schlappen Schritte stadteinwärts zum Donaukanal gelenkt. Nachdem sich mir aber ein erboster Nordwestwind arg entgegenstellte – frei nach Herr der Ringe / Teil 1: „Du kannst NICHT an mir vorbei!“ -, bog ich bei einer der nächsten Brücken wieder ab und entschied mich für einen Rückweg im Schutze der alten Gemäuer des 1.Bezirks.

Dort aber einsam und verlassen in der winterlichen Dunkelheit und nur schwach beleuchtet – die Schaufenster größerer und kleinerer Boutiquen. Kleine Verschnaufpausen daher nicht an einer roter Ampel, sondern Stop-&-Go vor besonders interessanten Vitrineninhalten. So auch gleich nach der Freyung in der Nähe des „Goldenen Quartiers“ am Tuchlauben, dort, wo sich Chanel und Louis Vuitton neidisch gegenüberliegen, dort, wo im klassischen In-Lokal, dem Schwarzen Kameel, tagsüber und bis spät in die Nacht leckere Brötchen genascht werden und heftig Prosecco geschlürft wird, dort, wo sich auch mein derzeitiges Bauprojekt befindet. Dort also, im Schaufenster einer äußerst kleinen Boutique, eng aneinandergequetscht zwei wuschel-wollige Mäntel. Einer sticht mir besonders ins Auge und trifft einen Punkt in meinem Körper, der unmittelbar heiße Begierde auslöst. Warum nur? Der wadenlange Mantel ist aus hellgrau eingefärbtem Lammfell – Lucia: du, als Veggie mit Lockenkopf, begehrst etwas, wofür ein Schaf herhalten musste? Das, was mich aber offenbar so geflasht hat, war das hinten am Rücken eingestickte große PEACE-Zeichen und der Schriftzug „Love is in the air“. Den Preis erhaschte ich nur mit einem Auge – das alleine hätte eigentlich sofort die Flamme der Begierde auslöschen müssen – vierstellig!!! – und das im SALE!

Ich kann aber nicht erklären, warum ich diesen Mantel, bei dem so vieles dagegen sprach, einfach nicht aus dem Kopf bekam. Ich muss da nochmals hin – noch mal nur schauen … vielleicht anprobieren und vielleicht …

Am Donnerstag kam ich nicht dazu.

Am Freitag war es nach meiner letzten Fitness-Boxen-Einheit (zwei Mal hintereinander als Einzelstunde konsumiert!!!) und dem wöchentlichen Supermarkt-Einkauf schon zu spät.

Also am Samstag – in einer Pause von nach Hause genommener Arbeit (Protokolle aus fünf technischen Aufklärungsgesprächen mit Baufirmen – da braucht man Ruhe und viel Sitzfleisch!) – bin ich schnell in meinen sowieso einzigartigen Stoffmantel, dem ich vor einer Wintersaison in Graz verfallen bin, und Boots geschlüpft und auf schnellstem Weg mit den Öffis in die City geeilt. Vor der Boutique dann die Bremse gezogen und mit einer anderen Frau fast zusammengetutscht. Der Mantel hing mit seiner breiten Rückenansicht in Szene gesetzt. Aber das, was schon in der U-Bahn begonnen hatte – mein vernünftiges Ich begann mir ordentlich ins Gewissen zu reden -, setzte sich jetzt hier am Ziel weiter fort. Bei Tageslicht sah das Fell dann nicht mehr so kuschelig aus. Allein der Schriftzug traf mich weiterhin ins Herz. Aber wo ich schon mal da war, überwand ich die plötzlich aufkommende Schwellenangst und ging hinein in die Boutique Mo´s Concept (high quality handmade Designstücke). Gleich rechts hing noch ein Zwillingsmantel zur näheren Begutachtung – und dann war´s auch vorbei mit der Shopping-Libido: das Fell sah mehr gerupft als geschoren aus, das Innenfutter in einem ganz hellen Grau aus 100% Poyester – also 100% Schweiß vorprogrammiert – und der Preis: einfach irrational!

So schnell war ich selten aus einer Boutique wieder draußen!

Vielleicht, wenn die Null hinten nicht gewesen wäre und nochmals minus 50%, vielleicht als Hingucker für eine Saison – aber so … No!

Innerlich kopfschüttelnd über meine Schwäche ging es dann schnell wieder nach Hause – und gleichzeitig stolz auf meinen schönen Stoffmantel, der kompromisslos zu mir steht. Danke, dass du mich vor einer großen Dummheit bewahrt hast!

Lesson learned: Versuchungen im Ausverkauf zahlen sich meistens nicht aus und finden sich sehr oft und sehr bald wieder auf diversen Kleidertausch-Parties!

Danke fürs Nicht-Hilfe-Anbieten

Manchmal wundere ich mich schon sehr über das Verhalten meiner Mitmenschen!

Die Vorweihnachtszeit ist neben der alljährlichen fröhlichen Endzeitstimmung, dem Hektik-Virus und der Shopping-Epidemie davon geprägt, dass an jeder Ecke und in jeder Kurve an die Herzensgüte appelliert wird, an einen Funken Nächstenliebe und an eine locker sitzende Spendierhose – warum sich hier natürlich schon auch die Frage stellt, warum dies nur in dieser eher grau-dunklen Zeit so frappierend auffällig ist.

Um nicht wieder abzuschweifen …

Seit diesem Sommer arbeite ich ja wieder in einem größeren Konzern, der in seinem Kerngeschäft „in Geld macht“. Rund 5.000 Menschen arbeiten in einem Gebäudekomplex, den ich lange vor der ersten Baggerschaufel lieb gewonnen habe, und der nach drei Jahren der „Inbesitznahme“ noch immer eine eigene Faszination auf mich ausübt.

Um nicht wieder abzuschweifen …

In dieser meiner neuen Arbeitswelt werden die Mitarbeiter bereits seit einigen Wochen via Intranet und diversen analogen Aushängen zur Teilnahme an unterschiedlichen caritativen Events eingeladen: Charity-Punsch mit den Vorständen in der Punschhütte, Spenden-Dinner für ein Dorf in Indien, Spendenkonto für das Ö3-Weihnachtswunder, Aktion „Tafel Wien“, Sammelstelle für Winterkleidung, … bis hin zum Care-Paket für bedürftige Familien in Rumänien: Öl, Mehl, Zucker, Reis, Nudeln, Kekse, Multivitamintabletten, eine Kleinigkeit für Kinder, … die Packliste genau vorgegeben, die Termine für die Ausgabe der leeren Kartons bzw. die Abgabe der befüllten Kartons gut organisiert.

Mein Karton, fertig befüllt, gut zugeklebt und recht schwer – ca. 12 kg! Eine Kollegin bat mich, ihren Karton mit zur Abgabe zu bringen, da sie an diesem Tag verhindert war.

Kein Problem – das schaffe ich schon!

Ein Karton in den Armen, den anderen mit sanften Fußtritten weiterbefördernd, machte ich mich auf den Weg vom 2. Obergeschoss hinunter ins Erdgeschoss.

Kein Problem – das schaffe ich schon!

Bei der ersten Barriere, der Zutrittstüre zu meiner „Homebase“, wusste ich dann, dass es doch nicht so einfach werden würde. Da kam aber gerade eine Mitarbeiterin aus meinem Stockwerk, hielt mir die Türe auf und fragte auch sofort, ob sie mir helfen könne. War es aus Stolz, Ehrgeiz oder Trotz? Ich sagte jedenfalls: Danke, nicht nötig …

Kein Problem – ich schaffe das schon!

Weiter bis zur Türe, die in die Aufzugslobby führt. Dort: keine tür-aufhaltende Hand. Also musste ich den einen Karton kurz stehen lassen, die Türe öffnen und aufhalten und den zweiten Karton nachreichen. Vor einem der Aufzüge wartete eine Frau auf den Lift. Sie schaute mich ziemlich eigenartig an, in einer Mischung aus genervt, ablehnend und jedenfalls so ganz ohne irgendeine Regung in Richtung Hilfsbereitschaft. Ihr Blick wurde sogar richtig böse, als ich die Aufzugstüre mit einem der Kartons für einen kurzen Moment blockieren musste, um mit dem zweiten nachzukommen. Eisiges Schweigen auf der Fahrt ins Erdgeschoss. Dort dann ganz ähnliches Verhalten: die Personen, die in den Aufzug einsteigen wollten, fühlten sich durch mich und die beiden Kartons in ihrem morgendlichen „Ich-muss-zur-Arbeit-Dilemma“ gestört und aus ihrer Routine gerissen. Kein einziges Mal: „Kann ich Ihnen helfen?“ –

Kein Problem – ich schaffe das schon!

Noch ein einziges, aber wohl das größte Hindernis: die Zutrittskontrolle, eine sogenannte Vereinzelungsschleuse; dh: Man kommt nur durch die Glasschwingtürchen, wenn man einen Konzernausweis hat. Und damit verhindert wird, dass eine zweite Person ohne Ausweis unerlaubt hindurchschlüpfen kann, geht das Öffnen-Schließen an sich sehr rasch. Hinaus kommt man immer, auch ohne Ausweis. Allerdings – und das ist das Manko in der Früh und zu Mittag, wenn die meisten Mitarbeiter im Haus unterwegs sind und nicht an ihrem Schreibtisch: Man muss kurz warten, bis man selbst dran ist … und auch mal so nett sein und einen rauslassen! Mich ließ keiner raus! Ich musste warten, bis der Strom an arbeitswütigen „Kolleg-I-nnen“ für einem Moment nachließ und mich endlich mit den beiden Kartons durchzwängen konnte. Von dort war es dann beinahe ein barrierefreies Kinderspiel, zur Abgabestelle zu kommen.

Ich habe es geschafft!

… Und ich möchte mich bei allen bedanken, die mir auf dieser Reise mit rund 25 kg Ballast KEINE Hilfe angeboten haben!

Meine Erfahrung aus diesen 15 Minuten? Ich bin zufrieden mit mir, dass durch meine einfache Spende einer armen Familie in Rumänien, die ich nie kennenlernen werde, für einen überschaubaren Zeitraum geholfen werden kann. Allerdings bin ich doch auch sehr darüber enttäuscht, dass es lediglich ein paar Menschen brauchte (die sich zudem mit mir einen Arbeitgeber teilen und mit mir unter einem Dach „leben“), um die Realität zu erkennen: Nächstenliebe heute endet bei vielen leider an der eigenen Epidermis!