Yes, I can!
Hände hochgestreckt, lauter Schrei, Überfreude 🙂
Nach den beiden persönlichen Marathonschlappen des heurigen Jahres – in Wien hatte ich schlichtweg relativ rasch einfach keine Lust mehr, mit 80.000 anderen mehr oder weniger behaarten Beinen asphaltierte öde Kilometer abzulaufen, und in der ach so schönen Wachau hat mich ein teuflisch falscher Ehrgeiz in die Misere geritten, indem er mich mit panischem Herzrasen und unfrohen Gedanken bestrafte.
Das Ergebnis: Selbst-Zweifel, Selbst-Kritik, Selbst-Mitleid, …
Aber wie heißt es so schön? Nach jedem Tief kommt ein Hoch? Kalt-Warm haltet den Kreislauf frisch. Yin und Yang wiegen sich in Balance.
Schon im Frühsommer hatte ich mich selbstsicher für einen weiteren Lauf angemeldet: Salzkammergut – Rundlauf um den Wolfgangsee mit einem knackigen Bergauf-/-ab-Teilstück – ein Lauf, in Natur eingebettet, noch nicht sehr über-laufen. Vielleicht 3.000 LäuferInnen absolvierten zuletzt 5, 10 oder 27 km und nicht mal 200 Waghalsige die 42,195 km, die in Bad Ischl beginnen. Somit quasi ein Laufprivatissimum?
Im September war ich sehr im Wickel-Wackel, ob ich an den Start gehen sollte.
Anfang Oktober hat das Leistungs-EKG bestätigt: ich bin topfit. Also liegt es nur am Kopf, wo meine beiden Gehirnzellen wohl arg am Streiten sind?
Egal: das Startgeld ist bezahlt, die Wetteraussichten sind brillant, die 3-stündige Fahrt flockt mit Stauumfahrung und größerem Herumirren in Bad Ischl, da aufgrund einer Mega-Baustelle eine Querung des Ortes nicht möglich ist. Die Unterkunft in einem etwas eigenartigen Ferien-Appartement (Minigarconniere mit ausklappbarem Sofa, Küchenzeile, Blick auf Fluss und Fußballplatz und Berg, geschmacklich nicht unser Stil, hätten uns eher ländlich-alpinen Stil erwartet) ist bereits zur Hälfte bezahlt.
Am Samstag holen wir uns die Startnummer in St.Wolfgang, genießen die Sonne und am anderen Seeufer einen und einen zweiten aufgespritzten Sturm. Abends gibt es natürlich Pasta und im zweiten Anlauf ein Glaserl Prosecco (der erste Spritzwein war untrinkbar, weil geschmacklich näher an fauligem Holz als an ausgepressten Trauben). Mein Schlaf ist tief und ruhig. Erst am Morgen macht sich dann richtig die Unruhe breit – meine momentanen Verstopfungsprobleme finden hier zumindest ein ausgiebiges Ende.
Die knapp 300 Marathonis (2014 wird zum Teilnehmerrekord) warten relaxed im Startbereich. Um 9:20 wird der Startschuss in die Luft geballert – es geht los! Bodo ist ein brillanter Schatz: er weiß, wie wichtig mir dieses Mal das Durchkommen / Ankommen im Ziel ist. Ich muss keine persönliche Bestzeit unterbieten, zumal dieser natur-nahe Lauf nicht mit einem ebenen Stadtlauf zu vergleichen ist. Ich muss nur fit im Kopf sein. Daher hat er mir eine Aufgabe gestellt: ich muss ein virtuelles, aber lebenswichtiges / lebensrettendes Medikament ins Ziel bringen! So komisch das jetzt klingen mag, aber in den nächsten 4 Stunden werde ich tatsächlich ab & dann daran denken. Doch noch nicht zu Anfang, denn da geht es eigentlich recht gemütlich los. Da ich fast ganz zum Schluss gestartet bin, bin ich geschwindigkeitsmäßig unter Gleichgesinnten. Aus Bad Ischl raus geht es teilweise über Trampelpfade im Gänse-Lauf; ein Überholen ist hier so gut wie nicht möglich. Auf der Straße teilen wir uns die Fahrbahn mit den wenigen Autos, die hier herumfahren. Zu beiden Seiten begleiten uns Berghöhen, über uns strahlt ein blitzblauer Himmel vor Freude – und diese Freude überträgt sich auch auf meine beiden Gehirnzellen. Die ersten 15 km führen bis nach St.Wolfgang, wo wir freundlich zum Weiterlaufen animiert werden – das Ziel ist noch 27 km entfernt. Nun treffen wir auf die LäuferInnen, die hier gestartet sind. Die schnellen Athleten sind natürlich schon längst am anderen Ufer (im wortwörtlichen Sinn gemeint!). Nach weiteren knapp 5 km sehe ich die Läuferkarawane ins Stocken kommen: es geht abrupt bergauf: zuerst ein Straßenstück, dann auf Waldboden. Ein Stoßgebet, ein Stück Banane, noch ein Schluck isotonisches Gift. Ich merke rasch, dass mich langsame Laufschritte zu sehr auspowern werden und verlagere mich wie die anderen rund um mich aufs zügige Bergaufgehen. Kurz kommen mir Erinnerungen ans Pilgern in den Sinn. Im Großen und Ganzen eine recht komische Situation, wenn man sich diese Massenwanderung von der Seite anschaut. Schon oben? Dann geht es ohne Aussicht rasend schnell wieder bergab. Dank an meine Knie – das wird für mich zur besten Teilstrecke! Ich flitze schnurzgerade oder im Zickzack hinunter, wenn ich andere eher vorsichtigere Damen und Herren umschiffen möchte. Habe ich sonst vor Bergab-Geschwindigkeiten eher Angst und stehe auf der Bremse, lasse ich hier die Zügel locker – mir ist fast danach, laut aufzujuchzen – aber vielleicht ist das doch unpassend? Mit diesem Schwung geht es dann entlang des Sees weiter. An jeder Labstation mache ich brav Halt, trinke Wasser und Iso-Getränk, nehme 3x ein Stück Banane und habe auch meine eigenen Tuben mit Mineralstoffen dabei. So bringe ich mich Kilometer um Kilometer weiter. Der anfängliche Frohsinn hat ein bisschen abgenommen. Es wird heiß, wir laufen sehr viel ohne Schatten – das ist die Zeit, wo ich ans „Medikament“ denke. Zaungäste gibt es nicht allzu viele, aber wir werden doch hin und wieder beklatscht und angefeuert. Die originellste Fangruppe darunter ist mit Sicherheit unangefochten die Belegschaft eines Altersheims: Pflegerinnen und betagte Gäste dick eingepackt in Rollstühlen im einseitigen Spalier. Zugegebenermaßen reagieren nicht viele auf mein dankbares Winken. 10 km vor dem Ziel treffe ich Bodo – Zeit für ein Bussi muss sein. Er ist beruhigt, dass es mir gut geht. Aufmunternd sind die Kilometeranzeigen: sonst werden meistens sehr pragmatisch Kilometer um Kilometer aufsummiert. Aber das Salzkammergut ist anders: Nur bis zum Berg werden die Kilometer chronologisch angezeigt. Nach dem Bergstück aber wechselt die Anzeige auf: „noch 19 km …. noch 14 km …. noch 3 km“ – das ist ein wahnsinnig guter Motivator, wenngleich ich 5 km vor dem Ziel dann schon ein wenig schwächle. Aber bei „noch 1 km“ hole ich die letzten Reserven hervor und gebe nochmals Gas. Eine minimale Steigung bis zum Ortsanfang – und dann im Schuss über die Ziellinie … nein: ich muss noch ein paar Meter weiterlaufen, denn die tatsächliche Ziellinie kommt knapp hinter der vorletzten Zeitnehmung. Der Teppich, über den ich die letzten paar Meter sprinte, ist nicht rot, sondern himmelblau – aber was zählt: ich habe es geschafft!
Hände hochgestreckt, lauter Schrei, Überfreude 🙂
Das Ergebnis: 04:02 / 100. von knapp 250 Startern, 15. bei den Frauen, 5. aus meinem Jahrgang … absolut ausbaufähig! Denn sollte es ein nächstes Mal geben (vorstellen könnte ich es mir durchaus), muss ich das „Medikament“ unter 4 Stunden ins Ziel bringen!
Fotos folgen …..