Rot-Kariert

Die derzeit etwas aufreibende Arbeit macht mich sehr müde und laugt aus. Ich habe daher wohl auch am Samstag meinen long jog frustriert im Bett gelassen. Und dementsprechend unrund verlief der Vormittag. Das graue Wetter hat meine Schritte dann in die City gelenkt. Durch versteckte Gässchen und mit ein paar Umwegen bin ich ohne großartigen Personenstau, der mich auf der Kärntner Straße erwartet hätte, diritissima zu „meinem“ Bernhart gelangt, einer Boutique in einer Nebengasse, abseits vom Gewurrle, wo ich schon seit Jahren ab und dann, mal öfter, mal weniger, ein paar Teile gefunden habe, die ein bisschen Grunge, ein bisschen Rock, ein bisschen anders sind, und die ich trotzdem so kombinieren kann, dass ich mich damit ins Büro wagen kann. Nicht, dass ich davor Angst habe, Aufsehen zu erregen. Meine KollegInnen kennen mich und meinen Kleiderschrank mittlerweile schon recht gut. Sie meinen zwar immer, dass ich etwas Neues anhabe, aber dem ist es dann doch nicht so. Mit kleinen Tricks und Alternativ-Zugriffen ist es leicht, ein neues Outfit zu schaffen. Mal sind es nur die Schuhe/Stiefel/Stiefeletten, die einem Kleid einen komplett anderen Look verpassen. Mal muss man schon mehr dafür tun, dass keine Langeweile entsteht.

Gestern jedenfalls haben nur wenige Augen-Blicke genügt, um mich davon zu überzeugen, dass eine rot-karierte, salopp-schlampig geschnittene Hose ein neues Zuhause finden wird. Nachdem ich aber nicht Vivienne Westwood bin, die zum Neujahrskonzert 2014 mit mega-geilen karierten Ballett-Kostümen überrascht hat, und mir daher Karo allein doch ein wenig zu schrill ist, kommt oben drum halt ein langes, asymmetrisch geschnittenes Jackenteil in schlichtem Schwarz zur optischen Beruhigung. Dazu Boots und fertig ist ein Look, in dem ich auch im Büro eine gewisse Bequeme spüren werde, denn die Hose ist um die Hüfte und um den Bauch so locker, dass mich da nichts einschnüren wird, wenn es wieder mal lange wird am Arbeitsplatz. Und wenn meine Augen müde werden vom vielen Bildschirm-Anstarren, dann werde ich einen Blick nach unten werfen, um mich vom knalligen Rot inspirieren und animieren zu lassen – Rot belebt doch die Sinne?

Speed Dating

Auch wenn mein Ruf schon den einen oder anderen Knax davon getragen hat – bevor der Titel meines heutigen Blogs zu Missverständnissen führt: es war rein geschäftlich!

 

Man nehme:

–       einen Kongress, der Bauherren gewidmet ist

–       eine originelle Idee des Veranstalters

–       18 unterschiedliche Immobilienprojekte

–       18 Tische

–       20 Minuten

–       einen Gong

 

… und los geht´s mit dem speedigen Speech Dating!

 

Ich durfte den ganzen Tag auf „meinem“ Tisch sitzen bleiben und in Summe 6x über unser Bauprojekt sprechen, aber die (zahlenden) Kongressgäste mussten, sobald der Gong ertönte, rasch zu einem anderen Tisch hetzen, um auch hier die Informationen zu bekommen. Schlau genug war der Veranstalter, dass die Teilnehmer sich bereits bei der Anmeldung online entscheiden mussten, welche 6 Projekte sie interessiert. Sonst wäre das ein ziemliches Chaos geworden.

20 Minuten sind ziemlich wenig. Ich habe zwar wie ein Wasserfall die wichtigsten Fakten und Zahlen, untermalt von kleineren Anekdoten, von mir gegeben, aber es blieb kaum Zeit, auf die eine oder andere Frage einzugehen. Das war gezielte Absicht: 20 Minuten erwecken die Neugier, 30 Minuten führen in die Langeweile. Und für den, der mehr Informationen will, gibt es ja die im Businessleben so gern gelebte Visitkarten-Changerei und das mir so nicht vertraute Networking. Berufliche Netze zu spinnen ist in unserer Zeit aber zu einem Muss avanciert. Im Radio gibt es zwar gerade wieder die Job-Challenge: „Du musst niemanden kennen – du musst nur was können!“ In Real Life (IRL) aber ist es doch andersrum! Du musst nur jemanden kennen, um weiter zu kommen; und dabei musst du nicht einmal was können. Wie viele Positionen in höheren und niederen Rängen sind doch mit Personen besetzt, deren Fähigkeiten primär darin liegen, dass sie zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, die richtigen Drahtzieher kennen – und schwupps ist der Schreibtisch neu besetzt.

Ich muss mir langsam, aber sicher, auch über meine berufliche Zukunft Gedanken machen, denn nach diesem Großprojekt, das mich derzeit viele Stunden und auch abends im Büro gefangen hält (in den letzten Wochen war doch des öfteren diejenige, die die Alarmanlage aktiviert hat), was wartet da auf mich bzw. was wird im Arbeitsdschungel auf mich lauern? „Ich bin ein Star – lasst mich rein!“? Oder muss ich doch einige Stricke auswerfen, an den richtigen Stellen einen Knopf machen und ein feines Netzwerk weben? Es stellt sich allerdings auch die Frage: Was will ich in Zukunft machen? Speed Dating jedenfalls hat nur sehr eingeschränkt meine Begeisterung erhalten. Das ist mir zu oberflächig. Immer nur mit kleinen Kratzern einzudringen in ein Thema, ist auf Dauer zu wenig. Es muss doch auch Möglichkeiten geben, gefahr- und schmerzlos in die Tiefe zu dringen. Sind nicht Neugierde, Beharrlichkeit, Durchhaltevermögen und eine Prise Besessenheit die Eigenschaften, die Entdeckungen erst ermöglicht haben? Ich bin mit Sicherheit kein Entdecker, weil mir dazu wohl der Mut fehlt, aber ich spüre eine – wenn auch erzwungene – Aufbruchs- und Umbruchsstimmung im Keim sich entwickeln – noch sehr klein und kaum zu sehen …