Schli-Schla-Schlappi ohne Ende

Ich versteh´s nicht – ich verstehe MICH nicht!

Ideale Voraussetzungen:

  • einigermaßen gut trainiert: 14 Wochen, darunter 7x longjog von 180 Minuten

  • über die Wochen ausreichend Eisen und Vitamine und Magnesium geschluckt

  • ideale Wetterbedingungen: unter 15 Grad, bewölkt, so gut wie kein Wind

  • stressfrei mit der U-Bahn zum Startbereich: bin dieses Mal bei einer anderen U-Bahn-Station eingestiegen und hatte sogar einen Sitzplatz!

  • Panik-Pinkelei im Gebüsch bzw. doch auch noch in einem „überfüllten“ Mobil-Klo

  • den richtigen Sound im Ohr

  • lockeres Laufleiberl, aber knappes Bustier

  • guter Start, kein Gerangel trotz dieser Menschenmassen

Warm ist mir schon von Anfang an, denn Adrenalin von 40.000 Menschen (nun gut, es werden am Start weniger gewesen sein, weil ja die Staffelläufer nur zum Viertel vertreten waren), erzeugt einen fast greifbaren Dampf.

Habe bald mein Tempo, meinen Schritt gefunden und greife alle 5 km zum Wasserschlauch oder zum Becher mit einem Isotonic-Gesöff.

Meinen Puls spüre ich extrem, und das macht mir etwas Angst.

Der Rest meines Körpers agiert ohne Probleme.

Das Foto, das Bodo von mir bei km 11 schießt, ist wieder einmal schrecklich – sein Kommentar: Läufer sind in Action einfach nicht hübsch – das schmerzt!

Der allseits gefürchtete leichte Daueranstieg bis Schönbrunn nagt an allen; ich spüre, wie meine Beine langsamer werden.

Ich denke erstmals ans Aufhören, da mir der Spass komplett abgeht. Immer heißt es, dass Laufen Endorphine frei setzt – bei mir dürften es in Wettkampfsituationen eher Depressionshormone sein, denn ich werde zunehmend verzweifelter, mutloser, ratloser und kann mich nicht mehr ablenken.

Bei km 20 klopft mir ein Bekannter auf die Schulter, der sich mit Fußschmerzen durch die halbe Strecke quält. Da denke auch ich, dass ich bei km 21 abzweigen werde. Nach einem kräftigen Schluck Wasser fasse ich vorübergehend aber wieder Mut und biege nicht ab – aber nur für kurze Zeit: bei km 22 sehe ich Bodo und bleibe stehen. Bodo ist verwundert, meint, ich sehe überhaupt nicht erschöpft aus, überlässt aber mir die Entscheidung und meint nur: lauf halt langsamer, sieh es als Trainingseinheit, mach auf Durchkommen …

Also laufe ich doch wieder weiter.

Ich nehme die vielen anderen Läufer um mich herum nur mehr am Rande mit – es interessiert mich einfach nicht – anders als sonst, wo man sich an einen Läufer ranhält oder Läufer/innen bewusst wahrnimmt, deren Laufstil analysiert – sich eben irgendwie ablenkt. Dieses Mal: ich blende anscheinend alles aus – mir bereiten die vielen anderen Läufer mentalen Stress.

Und als ich Bodo dann knapp nach km 26 sehe – es setzt gerade leichter Regen ein, trete ich zu Seite und gebe das Zeichen zum Finish – ich höre auf! Zu diesem Zeitpunkt noch ohne Reue, Traurigkeit, Enttäuschung. Ich bin mir meiner Sache ziemlich sicher – fast wie ein bockiges. trotzköpfiges Kind.

Ich analysiere meine Entscheidung ziemlich nüchtern: „es hat mir keinen Spass gemacht!“, wechsle an einer halbwegs geschützten Stelle das Gewand, und wir machen uns auf den Heimweg – ohne Zieleinlauf, ohne Medaille, ohne Kaiserschmarren.

Daheim stecke ich fast so, als wäre ich nicht ich, sondern ein Fremder, die ganzen Utensilien in die Waschmaschine und an andere Orte, die Startnummer (Quersumme 13 anscheinend doch un-glücklich) wandert direkt in den Müll, ich steige unter die Dusche und klammere mich alsbald wortkarg und mit zunehmend verhärmten Gesicht an mein Buch, während dessen Bodo sich diverse Ergebnisse anschaut und seine Fotos durchgeht. Ab und dann wirft er mir besorgte Blicke zu und fordert mich auf, mir alles von der Seele zu reden, aber ich kann nicht – zunehmende Verstörung und Ratlosigkeit mich selbst betreffend überkommen mich. Das Nachmittagsschläfchen entbindet mich nur vorübergehend einer unangenehmen Selbstanalyse:

  • ich genieße meine Morgenläufe, egal, ob 70 – 90 – 120 – 180 Minuten

  • ich genieße hierbei die Leere um mich, die Ruhe des heranbrechenden Tages

  • ich freue mich, wenn ich Rehe und Hasen sehe

– und dagegen das:

  • ich habe schon bei der Startnummernausgabe einen Horror vor den vielen Menschen, die sich dieses Mal wie am Flughafen vor dem Eingang ins Messegelände in eingefassten Gängen anstellen mussten

  • ich kenne die Wiener Strecke wohl mittlerweile so gut, dass sich eine gewisse Fadesse breit macht

  • das laute Geräusch der Plastikbecher, die an den Labestationen zertrampelt werden, tut in meinen Ohren weh

  • obwohl es dieses Mal kein Ellbogengedränge gibt, fühle ich mich irgendwie eingeengt

  • ich habe kein Gefühl dafür, ob ich mit einem guten Tempo unterwegs bin, um eine gute Zielzeit erreichen zu können; eher habe ich das Gefühl, dass ich mich schneckengleich bewege – und daher: lieber keine Zielzeit als eine schlechte (Bodo meint allerdings, dass ich nur knapp hinter dem 3:30-Tempomacher war … hätte ich den gesehen, hätte ich vielleicht ….?)

Bodo ist lieb, er versucht, mich aufzumuntern, mich für kürzere Trailruns zu begeistern. Das klingt gut, aber für mein Ego brauche ich zumindest noch einen vollen Marathon – vielleicht einen weniger überfüllten, so wie den in der Wachau oder in einer anderen Landeshauptstadt.

Was bleibt, ist aber ein gewisses Unbehagen, das Gefühl, versagt zu haben – das mit sich selbst auszumachen, ist extrem schwierig. Ich kann es abtun und sagen: wurscht, war halt so – aber habe ich oben nur dumme Ausreden formuliert oder liegt die Ursache fürs Abbrechen ganz woanders? Ich habe einfach den Eindruck, mich derzeit überhaupt nicht zu kennen – und das macht mir sehr zu schaffen. Mir stehen momentan die Tränen in den Augen, auch wenn ich weiß, dass es ein absoluter Schwachsinn ist, sich im Selbstmitleid zu baden – da bekommt man nur schrumpelige Haut und Kummerfalten.

Sonst lebe ich nach einem beendeten Marathon eine Woche lang auf Wolke Sieben. Momentan strample ich mich kraftlos in einer trüben Suppe. Hoffentlich nur für kurze Zeit, denn: the Show must go on …. der nächste Run steht bevor am 4.Mai / World Life Run: Catch meifYoucan!

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