Baustellen-Out-fit

Ihr wisst, meine Hauptprofession ist der Immobilie gewidmet: habe ich vor Urzeiten selbst noch mit einem sehr sensiblen Tuschestift (Fachausdruck Rapidograph) feine Linien auf dickem Transparentpapier gezogen und allfällige Verwacklungen mit der Rasierklinge wieder ausgekratzt, bin ich vor gut einem Jahrzehnt auf die „andere Seite“ gewechselt, lasse wirkliche Könner und andere innovative Chaoten in schwarzem Gewand gewagte Konstruktionen und sinnvolle Raumabfolgen entwerfen und diese mit flottem Finger auf der CAD-Tastatur in 2- und 3-D-Graphiken darstellen und widme mich mehr den koordinativ-organisatorischen Belangen, versuche, Beamte bei der Baubehörde mit meinem umwerfenden Charme zu schnellerem Bescheid-Ausstellen zu motivieren, agiere zuweilen als Mediator und Schlichtungsstelle und versuche, fair und gerecht ein partnerschaftliches Miteinander zu leben, denn ein Bauprojekt hängt von vielen Personen ab, von denen, die das Ganze finanzieren, von den kreativen Köpfen und von dem, der mit dem Schraubenzieher dafür sorgt, dass alles hält und an seinem Platze bleibt.

Was aktiv bleibt in meinem Job, ist der dann&wann-Besuch auf der Baustelle. Und dort gelten strenge Regeln, was das Outfit betrifft – selbstverständlich aus Sicherheitsgründen (dazu lese man im sogenannten Bauarbeitenkoordinationsgesetz, kurz BauKG, nach): in einer ungebrochen männer-dominierten Welt empfiehlt es sich, mit langen Hosenbeinen aufzutreten, denn die Stufen sind meist hoch und es könnte auch ein Sprung auf eine Leiter erforderlich sein. Und derbes Schuhwerk mit dicker Sohle und gestärkter Schuhkappe sieht zum luftigen Kleidchen irgendwie eigenartig aus. Der Kopf muss von einem melonenartig aufgeblasenen Helm geschützt werden – wie ich diese Dinger hasse! Nicht der Frisur wegen, sondern weil mir der enge innenliegende Gurt regelmäßig Kopfweh bereitet. Andererseits: besser ein solches Kopfweh als ein anderes, herbeigeführt durch ein von der Schwerkraft angezogenes Bauteil, wie Ziegel, Beton oder Glasscheibe. Also setze ich den Helm tapfer auf, wenn ich mich im Freien bewege, aber sobald ich auf sicherem Terrain, sprich irgendwo im Inneren befinde, wo de facto nichts mehr herunterfallen darf/kann/sollte: weg damit! Was die Sicherheitsschuhe betrifft, muss ich zugeben, bleibe ich meistens schon „Ich-Selbst“, sprich meine Palladium-Sneaker mit einer relativ dicken Sohle sind mir lieber als die unhübschen Kunststoff-Treter, und ich war auch schon mal mit diversen Plateauabsätzen zu Besuch (wie soll sich da ein Nagel durchbeißen?). Und da ich nicht so sehr der tägliche Hosenträger bin, kann ich gar nicht anders, als bei ungeplanten Baustellenbesuchen im Büro-Outfit aufzutreten – so geschehen heute: da gab es eine wichtige Vorstandsbesprechung vor Ort und ich musste auf die Schnelle ein Modell im Maßstab 1:100 auf die Baustelle bringen lassen. 3 starke Jungs haben mir dabei geholfen und mich ehrenhafter Weise buchstäblich in ihre Mitte genommen, denn ich hatte weder Zeit, die Schuhe zu wechseln, noch den Helm zu holen noch eine Warnweste anzuziehen. Die Jungs haben es genossen. Ich habe zügig mein ToDo erledigt und war dann rasch wieder auf sicherem Gebiet, obwohl ich glaube, dass es auf der Straße mit den eher unaufmerksamen Autofahrern zuweilen lebensbedrohlicher zugeht als auf der saubersten Baustelle Österreichs (www.erstecampus.at).

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