Wer kennt nicht die lehrreiche Geschichte in Heinrich Hoffmann´s Struwwelpeter vom Hans Guck-in-die-Luft? ….
Wenn der Hans zur Schule ging,
Stets sein Blick am Himmel hing.
Nach den Dächern, Wolken, Schwalben
Schaut er aufwärts allenthalben:
Vor die eignen Füße dicht,
Ja, da sah der Bursche nicht,
Also daß ein jeder ruft:
„Seht den Hans Guck-in-die-Luft!“
… Wer den weiteren Verlauf der Geschichte nicht mehr in Erinnerung hat: sie endet mit durchnässtem Gewand und heftigem Bibbern.
Dass dieses „Kinder- und Erziehungsbuch“ aus 1845 aus heutiger Sicht in sich einen brutalen Ansatz birgt, sei dahin gestellt. Märchen strotzen ja auch vor Gewalt, Intrigen und sonstigen bösen Tugenden.
Heute, 170 Jahre später, erlaube ich mir eine Neu-Interpretation dieser Geschichte, die sich aus täglichen Beobachtungen manifestiert:
Szenario 1: vor dem Belvedere steigen 30 Asiaten aus dem Reisebus, bewaffnet mit Kamera, seit Neuestem auch mit Selfie-Stick. Sie sind nur auf den Picture-Point fokussiert, dem sie mit schnellen kleinen Schritten entgegen trippeln, um als Erster dort zu sein – alles andere rundherum wird ignoriert. Noch schlimmer ist dieses Verhalten in der City: da fallen die Köpfe weit in den Nacken, weil die Gebäude so hoch und die Gassen so eng sind. Einheimische sollten einen möglichst großen Bogen um diese Spezies machen!
Szenario 2: die innige Beziehung zum Smartphone geht mittlerweile so weit, dass man auch auf der Straße nicht mehr die Augen von der gerade installierten App lassen kann. Nicht jeder ist in der glücklichen Lage, dabei gleichzeitig auch den Gehapparat zu bewegen. Und wie blöd, dass es Laternenmasten gibt, die nicht ausweichen. Ich muss zugeben, dass ich manchmal dazu geneigt bin, als Laternenmast getarnt einfach stehen zu bleiben und den Smartphone-Junkie auflaufen zu lassen – tue ich dann natürlich nicht, aber ich mache bewusst erst möglichst knapp vor dem Aufprall einen Schritt zur Seite – das Gegenüber soll ruhig meine Aura spüren und kapieren, dass man als Verkehrsteilnehmer aufmerksam sein muss.
Sonst gibt es bald Horrorgeschichten zu Hans Guck-in-die-Luft 2.0!