Abenteuer Flohmarkt

Gibt es eine bessere Jahreszeit, als im November, gerade dann, wenn das Wetter doch noch tatsächlich auf „Herbst“ umschwenkt, sich mit einer Arbeitskollegin frühmorgens bei tiefster Dunkelheit Richtung Gewerbepark Stadlau aufzumachen, um aktiv als Flohmarktstandler zu agieren? Der Smart ist voll: 2 Umzugsschachteln locker gefüllt mit allerlei unnötigem Krimskrams: einem Griller, der bei uns den FI-Schalter bewegt, alles aus Sicherheitsgründen lahm zu legen; Spiele, die keiner mehr spielt; eine knallgelbe Küchenwaage, die durch ein modernes Gerät ersetzt wurde; Spiegeleierformen, die mehr Frust als Lust bereitet haben; meine Eisschuhe, die seit Jahren im Keller vor sich hin schmollen. Weiters ein kleiner runder Klapptisch und passende Klappsessel aus der Kunststoff-Ära sowie das kleine runde Plastiktischerl vom Ikea, das bei willhaben.at keiner haben wollte. Das alles ging dann auch tatsächlich um wenige Euros weg. Zurückgenommen habe ich nur die beiden Skater samt Schutz-Equipment und die Computer-Sachen, die Bodo mitgegeben hat – ausgenommen die kleine Videokamera und ein Handy, beides im Schein der Dunkelheit gestohlen!

Um 5:30 war ich dort – viele andere schon einerseits beim Aufbauen ihrer Schätze, zum anderen – und das eigentlich Schlimme – die Schar an kauflustigen Personen mit Migrationshintergrund, die einem die Gustostückerln abluchsen (oder eben auf andere Weise entwenden), um sie dann anderwertig – und unter Umständen nur wenige Meter von einem entfernt – zu verhökern. Es gibt eben die Flohmarkt-Profis (in der wind- und wettergeschützten Halle). Und die Flohmarkt-Laien, die im Freien eine Verkühlung riskieren, um ihr Klump an einen neuen Besitzer anzubringen. Denn keiner will mit dem ganzen Zeug mittags wieder von dannen ziehen. Diejenigen, die den Hausrat ihrer Ahnen loswerden wollen, sind ziemlich gefährdet, vom geschulten Auge der Profis über den Tisch gezogen zu werden, denn oft wird der tatsächliche Wert von „Antiquitäten“ unterschätzt. Ich habe mit Interesse (und einer Haube auf dem Kopf, denn kalt war´s schon) die Menschen um mich herum beobachtet: neben mir eine Frau aus Deutschland, deren Mutter hier im Sterben liegt. Sie beginnt jetzt schon, Nippes und Alt-Damen-Schuhe loszuwerden plus 30 Stk. Apotheker-Dosen, die sie aus Deutschland mitgenommen hat (kein einziges Drum hat sie verkauft!). Neben mir meine Arbeitskollegin, die auf zwei (!) Tapezierer-Tischen Unmengen an Kleidung um 1, 2 Euro verkauft. Sie ist mit zwei (!) Autos da. Hier wird in den Anfangsstunden heftigst gewühlt und ich muss zugeben, einiges wechselt an eine neue Trägerin. Trotzdem bleibt noch viel, viel übrig – was soviel heißt wie: a) weiterhin aufheben b) nochmals flohmarkten oder c) wegschmeißen. Ich fand es sehr unterhaltsam, was wen interessiert: ein Mann, der für die Spiegeleierformen für seine Kinder kauft (und dann auch gleich noch den Klapptisch und die Stühle um 5 Euro, sodass ich meine „Ausstellung“ umbauen musste). Oder ein Herr, der bereits im Regen noch schnell eine alte Sonnenbrille um 1 Euro erstanden hat. Oder ein anderer, der von einem comic-kitschigen Teelicht sichtlich angetan war, aber ehrlich zu sich selbst war: „Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.“ Oder die Frau, die sich alle drei Spiele unter den Nagel gerissen hat – es gibt doch noch Menschen, die alte/moderne Brettspiele einer Playstation vorziehen. Dass rote Weihnachtskugeln aus dem Billig-Shop weggehen würden, dessen war ich mir sicher. Doch dass sich niemand für den wirklich schönen rot-orangen Kerzenständer interessiert hat, hat mich sehr gewundert. Der Regen kam leider früher als erwartet – nach 5 schnell vergangenen Stunden habe ich den Schluss-Strich unter dem „Abenteuer Flohmarkt“ gezogen und bin mit ca. 40 Euro Gewinn und dem uninteressanten Rest wieder abgezogen: für Skater ist jetzt offensichtlich keine Saison und die Computerwelt ist so kurzlebig, dass man hier keine Abnehmer mehr findet.

Daheim habe ich dann zuerst mal was Warmes getrunken, ein bisschen Schlaf nachgeholt und habe gleich noch weiter ausgemistet: Kleidung für Polen bzw. die Swap-Party am nächsten Samstag und Bodo gibt 3 ungetragene Jacken für die Obdachlosen her. Es grenzt an Befreiung, Dinge loszuwerden. Andererseits ist es beklemmend und beschämend, welche Besitztümer man anhäuft – was sind wir nur für eine Wegwerfgesellschaft geworden!

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