Ich meide ja seit einigen Advent-S-Kalendern (das mit dem neuen Füge-S im Advent habe ich noch nicht so ganz lieb) die Shopping-Straßen dieser Welt, sprich des Wiener ersten und sechsten/siebten Gemeindebezirkes, denn so wie auf unseren Pilgerwegen finden wir Völkerwanderungen nur als Bedrohung für unsere eigenen Füße. Allerdings warten seit Monaten einige meiner Uhren (trotz Einbruch in meiner Wohnung vor über 10 Jahren hat sich wieder einiges an Zeitmessung angesammelt) auf eine neue Batterie. Und nachdem es in einer Nebenstraße der vollkommen daneben gegangenen Begegnungszone MaHü, wie die Mariahilferstraße im Insider-Jargon heißt, einen älteren Herren gibt, der um € 3 statt um € 7 Batterien inkl. Dichtheitsüberprüfung wechselt, bin ich am vergangen Freitag Nachmittag direkt vom Büro hingepilgert – nicht zu Fuß, sondern mit dem Bus. Und nachdem ich schon mal da war, habe ich mich kurz der Begegnung ausgesetzt. Zum Glück haben sich die Wiener Bevölkerung und die Touristen auf den Samstag eingeschossen, sodass es annähernd human und normal zugegangen ist. Ich war in diversen Geschäften, mehr, um gewisse Basics für mich zu finden als sonst was schauen, doch etwas ist deutlich hängen geblieben:
Mutieren wir schön langsam zu Außerirdischen mit 3 Köpfen, 5 Bodies, 30 Beinen und 100 Füßen? Wer bitte, soll all die Baumwolle, die Seide, all das Polyester, Nylon und Leder je in seinem zeitlich begrenzten Leben anziehen? Ich finde es eigentlich sensationell, dass das menschliche Auge hier noch Signale ans Hirn aussenden kann wie: „Das da gefällt mir!“, „Die Farbe steht mir!“, „Das muss ich haben!“ Ich habe mich selbst im Untergeschoss beim Peek & Cloppenburg kritisch beobachtet, beobachtet, wie mein Augenscan reagiert und was erfasst wird. Und ich bin stolz auf mich, weil ich mich ganz gezielt zwischen den Kleiderhaken und Wühltischen bewegt habe. Trotzdem konnte ich das beklemmende Gefühl nicht loswerden, unter einer Lawine begraben worden zu sein. – Bitte, gebt mir frische Luft!
Ich vermisse im normal-preisigen Sektor ein wenig das „less is more“, das Gefühl vermittelt zu bekommen: du bist die Auserwählte unter den S, M oder L, die dieses Kleidungsstück sein (ihr) eigen nennen darf. Nein, so ist es nicht, denn wenn es von einer Kleidungsgröße gleich 5 Stück gibt, kann man davon ausgehen, dass man dann demnächst auf der Straße das Teil mehrfach sehen wird. Die Kunst liegt dann darin, mit dem Drumherum, den Kombiteilen und den Accessoires, die Individualität zu schaffen, die einen jeden von uns einzig macht. Vielleicht ist das ja auch gar nicht einmal so schlecht. Dass sich beste Freundinnen wie Zwillinge kleiden, ist eine andere Sache und altersbedingte Hilfslosigkeit hinsichtlich des eigenen Ich.
Eine weitere Erkenntnis meines Ausfluges in den Überkonsum: es gibt den einen oder anderen Vorteil gegenüber dem anonymen Online-Shoppen. Hier im Getümmel existiert noch ein gewisser sozialer Kontakt, wenn zB der Mann Dessous für seine Liebste kauft und sich hilflos an eine Verkäuferin wenden kann, wenn ich im Gespräch das Geheimnis „wie halten halterlose Strümpfe“ gelüftet bekomme (ich verrate es gleich weiter: nicht mit Cremedusche pflegen und keine Bodylotion an der entscheidenden Haftstelle verwenden – Wahrheitsgehalt noch nicht bestätigt!) oder wenn ich an der Kassa geduzt werde. Schrecklich ohne Zweifel sind die Umkleidekabinen und ernüchternd ist die Erkenntnis, dass ich bei G-Star nicht in den geilen Overall passe, der mit XS und S nur für androgyne Barbiepuppen geschneidert wurde.
Kleider können keine Berge versetzen, aber sie bescheren doch ein kurzes Hochgefühl – zumindest solange, bis man den Slim-Faktor-Spiegel im Geschäft mit dem eigenen Spiegel daheim getauscht hat. In real Life schaut eben so manches Wunschbild anders aus! Ich bin jedenfalls mit meiner „Beute“ (2 graue dünne Baumwoll-Pullover, neue Leggings in Schwarz bedruckt bzw. Grau-Camouflage sowie zwei dünnen Schals) zufrieden. Und das mit den halterlosen Strümpfen muss ich erst testen – ich hoffe mit Erfolg. Ich werde natürlich darüber berichten.