Das fehlende Distanz-Gen

In meinem Bericht zum Thema Parkgarage habe ich kurz anklingen lassen, dass es dem weiblichen Geschlecht ab & dann schwer fällt, den Ticketautomaten bei der Ausfahrtsschranke so passgenau anzufahren, um das Parkticket mit einer grazilen Leichtigkeit im Schlitz verschwinden zu lassen.

Man(n) nimmt an, dass der Frau an sich das sogenannte Distanz-Gen von Geburt an fehlt oder zumindest ab dem Zeitpunkt der Führerschein-Reife.

Ist das tatsächlich so? Ich höre kritisch in mich hinein und muss feststellen, dass ein Körnchen Wahrheit dahinter steckt:

Tiefgaragen an sich erzeugen in mir eine beinahe an Klaustrophobie grenzende Wirkung. Die dicken Striche am Boden, welche die einzelnen Stellplätze voneinander abgrenzen sollten, sind für mich wie ein Korsett. Und auch mit dem Smart ist es nicht immer so einfach, den richtigen Einkehrschwung zu erfassen.

In Tiefgaragen wachsen unverhofft Säulen und Stützen aus dem Boden. In meiner grauen Vorzeit, als ich noch Besitzerin eines typischen Montag-Autos war (fahre Rover und dein Leben ist over!), ist dies tatsächlich in der Zeit zwischen Einparken um 20 Uhr und Ausparken um 5 Uhr früh passiert – ich bin mir immer noch so was von sicher, dass diese böse knallgelbe Stütze beim Reinfahren in die Garage nicht da gewesen ist, sondern sich aus Protest, nicht zum Fest in der Top-Etage eingeladen worden zu sein, nach oben zur Decke gestreckt hat. (beim Rover aber hieß es nach dem Antutschen im wahrsten Sinne des Wortes „game over“!)

Bei Schranken denke ich unweigerlich an eine Guillotine. Bist du zu langsam, wird dir das Auto  auseinander gehackt. Außerdem sind diese Dinger einfach unberechenbar und streiken einen Großteil ihrer Lebensdauer (was dann die Akrobatik vor dem Ticketautomaten wieder ad absurdum führt).

Ticketautomaten, egal, ob mit Sprachkombination oder ohne, führen unweigerlich zur Verwirrung, weil man in der Hektik einfach nicht immer weiß, wo oben und unten ist. Ein Karterl, 2 Seiten, aber 4 Möglichkeiten längs und 4 Möglichkeiten quer, sich dem Schlitz zu nähern. Ein blassgelber Pfeil ist da bei schlechter Beleuchtung auch keine allzugroße Hilfe.

Und da gibt es dann noch die Rampe hinauf oder hinunter, im besten Fall geradläufig, wenn auch eng – und immer stehen irgendwelche Metallteile heraus, die verhindern sollen, dass das Fahrzeug ein Stück Wand mitnimmt. Im schlimmsten Fall aber handelt es sich um ein Parkhaus mit viiiielen Stockwerken und einer durchgedrehten Rampe. Bevor ich beim IKEA-Parkhaus in der SCS freiwillig hinaufschleiche (und später dann hinunterbremse), drehe ich lieber mehrere Ehrenrunden rund um alle open air Parkplätze und gehe ein paar Schritte mehr. Dass Männer hingegen steile Kurven lieben, muss nicht extra betont werden.

Und bin ich dann der Höhle „Parken in der Tiefe“ entkommen, sehe ich mich damit konfrontiert, dass ich vor (besonders rechts von mir) parkenden Autos gerne einen ordentlichen Respektabstand halte. Es könnte ja auch sein, dass so ein Ding auf vier Rädern plötzlich aus der Parklücke springt? Dass ich mit dieser Erwartungshaltung entgegenkommende Fahrzeuge in heilloses Entsetzen versetze, wird mir nur dann klar, wenn mich Bodo „sanft“ drauf hinweist.

Bei all diesen vielleicht qualvoll übertrieben dargestellten Szenarien muss ich ehrlicherweise hinzufügen, dass ich dabei in einem SMART sitze, einer Automarke, die sich mit anderen Klein(st)wagen um den Titel „piccolino“ matcht. Man(n) stelle sich vor, ich würde einen Porsche Cayenne oder einen VW Touareg fahren!

 

Phänomen Ticketautomat in der Tiefgarage

Samstags fahren wir zum Supermarkt in die Tiefgarage, da wir (noch) zu faul sind, unseren Wocheneinkauf an Lebensmitteln (und Prosecco) heim zu schleppen. Wir hatten zwar vor kurzem die Überlegung, uns einen Top-Trolly anzueignen, aber bislang ist es bei der Idee geblieben und Gewohnheit / Bequemlichkeit haben die Nase vorn.

Jedenfalls war am vergangenen Samstag viel los – sowohl im Supermarkt selbst als dann auch in der Tiefgarage. Stau vor der Ausfahrt! Verursacher: ein Autofahrer mit einem Nicht-Wiener-Kennzeichen  – gaaaanz schlimm in den Augen eines echten Wieners. Der arme Kerl kämpft mit dem Ticket-Automat, aber der Schranken geht und geht nicht auf. Hinter ihm schon mehrere andere Autos, von rechts und von links. Kein Ausweichen, keine Umkehrmöglichkeit. Irgendeine genervte Autolenkerin dirigiert einen Kunden mit Einkaufswagerl hinauf, um Hilfe zu holen. Bodo setzt sich mit Gleichmut ins Auto. Ich aus einer unheimlichen Eingebung heraus, schlendere mit leichtem Schritt zu diesem armen Kerl aus Oberösterreich, dem sein Ungeschick urpeinlich ist. Ich frage, was los ist und nehme ihm das Ausfahrticket aus der Hand – und schiebe es mit dem gelben Pfeil voran in den Automaten – und siehe da: Sesam öffne dich, der Schranken geht auf: grünes Licht! Der Oberösterreicher muss sich jetzt tummeln, um die Gunst der Minute auszunutzen. Aber hallo Leute: wo bleibt der Applaus? Ich habe Euch allen den sonnigen Vormittag gerettet? Aber egal: ich habe den Applaus im Herzen. Zufriedenheit überkommt mich, dass ich jemandem mit einer Kleinigkeit geholfen haben zu können. Ein kleiner verblasster gelber Pfeil rettet die Menschheit. Und wahrscheinlich kann nur eine Frau nachempfinden, wie es ist, sich mit dem Ticketautomaten in einer engen Tiefgarage ärgern – und vor allem: blamieren – zu müssen. Es mag klischeehaft sein, aber es stimmt leider: Frauen fehlt oft der Blick für die richtige Distanz zwischen Fahrerseite und Ticketautomat. Meistens ein zu großer Respektabstand, der zu akrobatischen Verrenkungen führt, um zum alles öffnenden Schlitz zu gelangen – da werden Sicherheitsgurt und Fahrertür schon mal zum ärgsten Feind. Manchmal auch mit beängstigender, fast aufdringlicher Nähe, sodass der Seitenspiegel kurz zusammenzuckt. Wie auch immer, es ist einfach peinlich! Wenn hinter einem andere Autos nervös mit den Reifen scharen oder noch peinlicher, wenn niemand hinter einem mit den Augen rollt („typisch Frau!“) und frau den Rückwärtsgang einlegt, um einen neuen Versuch zu wagen.

Ich gebe es zu: auch ich hatte schon den einen oder anderen fehlgeschlagenen Annäherungsversuch mit dem Ticketautomaten. Aber noch nie habe ich versucht, das Ausfahrticket verkehrt herum hinein zu schieben – das ist mir neu – und werde ich auch nicht testen, denn kann ich sicher sein, dass mir dann ein netter Mann aus der Klemme hilft und damit den anderen den sonnigen Tag rettet?

That´s really IT!

Um das Thema IT-Girl zu einem Ende zu bringen: nach besagtem Kabarettabend waren wir noch im ehrwürdigen Palmenhaus nahe der Wiener Oper, einem Hip-Lokal in einem echten ehemaligen Palmenhaus – ein riesenhaftes Glashaus, das sich Bodo und ich ganz gut als Wohnsitz vorstellen könnten – nach dem Motto: in der Auslage leben.

Als wir dort so bei einem Abschluss-Safterl sitzen und die wenigen Rest-Gäste studieren, stutzen wir alle miteinander, denn an einem Tisch sitzt gut und gerne ein Dutzend aufgemaschelte Frauen, die früher einmal Männer gewesen sind. wir googeln: es handelt sich um Transsexuelle, die hier entweder zum Treffen der Selbsthilfegruppe geladen haben oder von „richtigen“ Frauen Schmink- und Dress-Tipps bekommen – who knows!

Auch wenn man versucht, tolerant gegenüber „Anderssein“ zu sein, es befremdet doch ein wenig, oder besser, man muss einfach darüber reden, rätseln, Vermutungen anstellen – tratschen. Und keiner kann mir sagen, dass die „Damen“ nicht genau wissen, dass man sie anstarrt und über sie spricht. Irgendwie bekomme ich da ein schlechtes Gewissen: diese Personen haben sicher viel Leid erfahren. Sich in einer Haut zu befinden, in der man sich fremd fühlt, muss schrecklich sein. Eine Möglichkeit zu finden, sich selbst zu finden, ist großartig – in diesem speziellen Fall aber mit viel körperlichem und auch seelischem Schmerz verbunden. Bis es dann endlich so weit ist, dass man sich mit engen Röcken, noch engeren Pullis, stark geschminktem Gesicht, Perücke und High Heels auf die Straße wagt, dauert. Und da tut es sich einer jeden einzelnen von diesen „neuen Frauen“ gut, wenn es Gleichgesinnte gibt, um sich auszutauschen, um sich Tipps zu holen, um – nicht allein zu sein. In der Gruppe ist man stark, in der Gruppe kann man sich auch mal verstecken oder sich in den Vordergrund stellen, aber in der Gruppe findet man Halt.

So gesehen ist jede einzelne dieser Personen, die sich nach einer langen Suche selbst gefunden haben: IT-Girls!

Kulisse und real life

Neulich – sprich am letzten Tag des kürzesten Monats – waren wir mit Freunden im Kabarett. Irgendwann muss man ja lachen, und wenn man dafür Eintritt zahlen muss. Der „Tatort“, ein Etablissement im tiefen Hernals, in der Kulisse. Geschickt gemacht: freie Sitzplatzauswahl, keine Reservierungen, dafür aber gute Wiener Küche. Kein Wunder also, dass ca. 200 lachgierige Wiener und „Zuagraste“ sich schon um 18 Uhr vor den geschlossenen Toren einfinden, um einen guten – den besten? – Sitzplatz zu ergattern. Wir wähnen uns ganz vorne seitlich als gut aufgehoben und schieben uns eng gedrängt an einen Tisch, wo noch gut 6-8 weitere Gäste Platz nehmen werden, um sich mit Wiener Schnitzel, Linsengemüse und einem großen Gupf Maronipüree (mit einem noch größeren Gupf Schlagobers) den Bauch vollzuschlagen. Lacht es sich dann besser als mit leerem Bauch? Wir vier in unserem Eck gestalten die 2 Stunden bis zum Beginn der Vorstellung als eigene Lachshow. Aber irgendwann so gegen halb 8 gehen uns die Schmähs aus, und wir warten voller Ungeduld auf den jungen Kabarett-Neuling aus der Weststeiermark, gut aussehend, Gitarre und Singstimme als Markenzeichen, die Aussprache so, dass die mittleren Plätze knapp vor der Bühne nicht unbedingt als die besten zu bewerten sind.

90 Minuten lang werden unsere Lachmuskeln trainiert. Im Nachgang reflektieren wir die zum Teil bissigen Pointen zu Themen Familie, Liebeskiste, Politik. Das Paradoxe ist ja, dass man im Kabarett über Dinge lacht, über die man im IRL (in real life) eigentlich nie und nimmer lachen würde. Ein Kabarettist verfälscht die Wahrheiten des täglichen Allerleis so arg, dass der Betrachter hierbei wohl seine Mitmenschen veräppelt sieht, aber nie drauf kommen würde, dass er da selbst eigentlich auf die Schaufel genommen wird. Kabarett hat eine sehr lange Tradition und ist aus dem Wunsch entstanden, sich über Missstände im Kaiser-/Königreich äußern zu können, ohne dabei Angst haben zu müssen, wegen scharf gemeinter Äußerungen aufs Schafott zu wandern. Denn Kaiser, Könige, Politiker sind die letzten, die kapieren, dass man über sie lacht. Und weil wir gerade im Endspurt der Faschingssaison sind: in diversen Faschingssitzungen, egal, ob in Villach oder Mainz, wird doch all das pointiert zur Sprache gebracht, was das Jahr über den normalen Staatsbürger auf- und erregt hat – und man lacht, obwohl man´s eigentlich zum Weinen finden müsste. Spricht man deshalb von: ich habe Tränen gelacht? Liegen Humor und Freude so nahe neben Frust und Leid?

Ist es aber nicht auch schön, wenn man über sich selbst lachen kann? Wenn man sein eigenes Kabarett zelebriert und sich die eigenen Schwächen durch einen verzogenen Spiegel anschaut? Wird man draus was lernen und ändern? Oder wird daraus ein eigenes Markenzeichen?

Ich glaube, ich mache mich ab & dann selbst gerne zur Lachfigur – und wenn es nur meine elastische Haut ist, die sich gerne zu Grimassen verformen lässt.